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Klein, aber fein - Schneckenbuntbarsche aus dem Tanganjikasee

von Georg Zurlo

Die erste überaus eindrucksvolle Begegnung mit Schneckenbuntbarschen hatte ich schon vor etwa 30 Jahren. Damals war mir schlagartig klar, dass ich eine ganz besondere Sorte von Buntbarschen zum ersten Mal vor mir hatte. Aber ich konnte natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass ich die nächsten 30 Jahre fast immer die eine oder andere Art von ihnen in meinen Aquarien pflegen und sie später einmal in ihrem natürlichen Lebensraum unter Wasser im Tanganjikasee beobachten würde.

In einem Verkaufsbecken schwammen ein knappes Dutzend 2,5–4 cm langer Fischchen, die mich vom ersten Augenblick an faszinierten. Sie saßen vor kleinen Schneckenhäusern einer mir damals noch unbekannten Schneckenart, verschwanden blitzschnell darin, wenn man sich ihnen näherte, kamen zögernd wieder heraus, wenn man geduldig und ruhig stehen blieb, und imponierten und balzten derart lebhaft, dass ich lange Zeit wie gebannt vor ihrem Aquarium stand.

Erst der Blick auf die Preisauszeichnung brachte mich wieder ein wenig zur Besinnung: 90,– DM für jeden der Winzlinge. Davor und danach wäre dies der höchste Preis gewesen, den ich jemals für Aquarienfische (in DM pro Zentimeter Fisch gerechnet) bezahlt hätte, und so war es nicht verwunderlich, dass ich mich nach fast einer Stunde losreißen konnte und grübelnd nach Hause fuhr. Drei Wochen und drei Besuche später hatte ich dann genug gegrübelt und bereitete zwei würfelförmige Aquarien von 60 cm Kantenlänge vor.

Bei der einen Art, Lamprologus ocellatus, war ich mir sicher, dass ein Pärchen (ein deutlich größeres Männchen und ein Weibchen von nur 2,5 cm Länge) mit Vorbereitungen zum Ablaichen beschäftigt war. Bei der anderen Art, Neolamprologus brevis, hatte ich lange versucht, Geschlechtsunterschiede zu entdecken, musste mich zum Schluss aber damit begnügen, zwei wenigstens etwas unterschiedlich aussehende Fische mitzunehmen. Dass zu diesem Zeitpunkt von Neolamprologus brevis nur Männchen importiert worden waren, konnte ich noch nicht wissen. Das wurde erst später entdeckt, und so tröstete ich mich mit der Hoffnung, dass bei dieser Art vielleicht nur minimale Geschlechtsunterschiede vorhanden sein könnten.

Lamprologus meleagris
Männchen von Lamprologus meleagris. Foto: G. Zurlo

Das war natürlich nicht so, und ich konnte N. brevis erst Jahre später nachzüchten. Allerdings wurde ich dadurch mehr als entschädigt, dass aus dem Schneckenhaus der N. ocellatus schon nach wenigen Tagen die ersten Jungfische ein- und ausschwammen. Das Pärchen musste wohl schon im Verkaufsaquarium abgelaicht haben und die Eier oder Jungfische hatten den Umzug unbeschadet überstanden. Es erwies sich noch über lange Zeit hinweg als sehr produktiv. Über die faszinierenden Beobachtungen hinaus, die ich mit diesen kleinen  Fischen in den darauf folgenden Monaten und Jahren machen konnte, hatte sich also auch der für meine damaligen Verhältnisse hohe finanzielle Einsatz gelohnt. Der Misserfolg bei der Zucht der N. brevis ließ mich zwar noch lange grübeln, aber nachdem später die ersten Weibchen importiert worden waren, löste sich auch dieses Problem zu meiner Zufriedenheit.

Anders als die anderen
Was zum damaligen Zeitpunkt niemand wissen konnte, war, dass mit den kleinen Schneckencichliden eine ganz neue Kategorie von Aquarienfischen zum ersten Mal importiert worden war, die eine ungeheure Bereicherung der Aquaristik darstellen sollte, und das nicht nur für den eher kleinen Kreis von Tanganjikasee-Fans. Schneckenbuntbarsche bieten in sehr kleinen Aquarien dermaßen faszinierende Beobachtungsmöglichkeiten von Verhaltensweisen, dass sie schon bald auch Untersuchungsobjekt der Verhaltensforscher wurden. Sie sind damit aber auch die idealen Fische für Aquarianer, die unter beengten Raumverhältnissen leiden, aber auf ihr Hobby nicht verzichten wollen. Schüler oder Studenten, die sich nur ein winziges Aquarium leisten können, ältere Aquarianer, die aus gesundheitlichen Gründen keine großen Aquarien mehr pflegen möchten oder können, derjenige, der sein „Zweitaquarium“ am Arbeitsplatz aufstellen möchte und das auch kann – sie alle finden in den Schneckenbuntbarschen die idealen Fische. Lehrer, vor allem Biologielehrer, die ihren Schülern ein pflegeleichtes kleines Aquarium als Beobachtungsobjekt in die Klassen stellen möchten, sind gut beraten, es mit Schneckencichliden zu versuchen.

Lamprologus callipterus
Gruppe subadulter Männchen von Lamprologus callipterus auf Nahrungssuche im See. Foto: G. Zurlo

Wer sich mit Schneckenbuntbarschen beschäftigt, sieht sich dann schnell mit einer Reihe interessanter Fragen konfrontiert: Warum benutzen Fische Schneckenhäuser als Versteck- und Bruthöhle? Was bedeutet das eigentlich, wenn wir einen Buntbarsch als Schneckenbuntbarsch bezeichnen? Welche Fischarten gehören zu den Schneckencichliden? Wie sieht der natürliche Lebensraum der Schneckenbuntbarsche aus?

Im natürlichen  Lebensraum
Fische, die nicht wehrhaft oder groß genug sind, um sich gegen einen Angriff anderer Tiere erfolgreich wehren zu können, müssen entweder besonders schnell fliehen oder gute Versteckmöglichkeiten aufsuchen können. Ein flacher Sand- oder Schlammuntergrund im Tanganjikasee, der weder durch Steinformationen noch durch Pflanzenbewuchs Versteckmöglichkeiten bietet, ist also als Lebensraum nur für wehrhafte (wie Neolamprologus tetracanthus) oder auf Flucht spezialisierte Arten (etwa Xenotilapia-Arten) akzeptabel. Wird der flache Boden aber teilweise oder ganz von leeren Schneckengehäusen bedeckt, so erhalten genügend kleine Fische – die Schneckenbuntbarsche – die Möglichkeit, sich in diesem Biotop dauerhaft zu behaupten. Für sie stellen Schneckenhäuser kleine, besonders günstig geformte Höhlen dar, die das Zentrum ihres Nahrungs- und Brutreviers markieren.

Natürlich werden Schneckengehäuse auch von anderen Fischen, vor allem von Jungfischen, aber auch von Krebsen oder Garnelen als Aufenthaltsort genutzt. Das geschieht aber meist nur kurzfristig und ungezielt. Auch im Aquarium werden entsprechende Tiere Schneckengehäuse nutzen. Damit sind sie aber noch lange keine Schneckencichliden. Die Bezeichnung Schneckenbuntbarsch oder -cichlide wird in der Wissenschaft und in der Aquaristik nur für Buntbarscharten

verwendet, die in ihrem natürlichen Lebensraum in Schneckenhäusern leben und in ihnen brüten.

„Typische“ Schneckenbuntbarsche?
Die verschiedenen Schneckenbuntbarscharten haben zu ihren Schneckenhäusern teils sehr unterschiedliche Beziehungen und werden dementsprechend in Gruppen eingeteilt. Als obligate Schneckencichliden werden diejenigen Arten bezeichnet, die ausschließlich in oder an Schneckenhäusern ablaichen, andere Formen von Bruthöhlen also normalerweise nicht akzeptieren.

Im Gegensatz dazu akzeptieren opportunistische Schneckenbuntbarsche  Schneckengehäuse zwar als Brutstätte, benutzen aber ebenso gern oder sogar bevorzugt andere Höhlen, die klein genug sind, sie vor Fressfeinden zu schützen, und groß genug, um darin ihre Jungfische großzuziehen. Eine besondere Gruppe von opportunistischen Schneckenbuntbarschen stellen diejenigen dar, die sich im Aquarium auf die beschriebene Weise opportunistisch verhalten, von denen aber keine Bobachtungen vorliegen, dass sie dies auch in ihrem natürlichen Lebensraum tun.

Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Reihe von „Grenzfällen“, bei denen der Status als Schneckenbuntbarsch nicht so eindeutig ist, weil sie beispielsweise ihre Eier an der Außenseite des Gehäuses ablegen, ihre Larven dann aber in das Innere des Schneckenhauses transportieren, wie es Lepidiolamprologus attenuatus tut. Andere Besonderheiten können darin bestehen, dass etwa die Weibchen einer Art in die Schneckenhäuser passen, die Männchen dagegen nicht, wie bei Lamprologus callipterus. Interessant ist  auch, dass Aquarianer Arten wie Lamprologus kungweensis und L. signatus sofort als Schneckenbuntbarsche einstufen wollten, obwohl sich dann herausstellte, dass sie im Tanganjikasee in Schlammröhren brüten.

Neolamprologus boulengeri Neolamprologus boulengeri über der Behausung. Foto: G. Zurlo


Schneckenfriedhöfe

In ihrem natürlichen Lebensraum im Tanganjikasee kommen Schneckenbuntbarsche in verschiedenen Bereichen und, in Abhängigkeit davon, in verschiedener Populationsdichte vor.  Riesige „Schneckenfriedhöfe“ oder „Schneckenhausbeete“ bieten entsprechend vielen Individuen Unterschlupf und Brutgelegenheit. An anderen Stellen finden sich kleinere Ansammlungen von Schneckenhäusern auf den Sandflächen zwischen kleineren Felsen oder vereinzelt verstreute Gehäuse auf großen freien Sandflächen, jeweils mit entsprechend geringerer Zahl an dort wohnenden Schneckenbuntbarschen.

Kleinere Varianten einer Cichlidenart aus dem Malawisee, Pseudotropheus livingstonii (oft auch als P. lanisticola bezeichnet) leben ebenfalls in enger Verbindung mit Schneckenhäusern (Lanistes nyassanus) auf Sandflächen. Die Fische benutzen die Schneckenhäuser aber nur als Zuflucht bei Gefahr und laichen nicht darin oder in unmittelbarer Nähe ab. Sie sind also keine Schneckenbuntbarsche im eigentlichen Sinne.

Die Schneckenhäuser, die von den Schneckenbuntbarschen im Tanganjikasee am häufigsten bewohnt werden, sind Gehäuse der Art Neothauma tanganyicense. Aber auch Gehäuse größerer oder kleinerer Schneckenarten zwischen 2,5 und 8 cm Durchmesser finden im natürlichen Lebensraum Verwendung.

Der hohe pH-Wert des Wassers sorgt dafür, dass sich dort die Gehäuse nicht auflösen, sondern eher noch eine Kalkkruste ansetzen. Zerstörte Schneckenhäuser sind daher immer mechanisch beschädigt worden, etwa durch Wellenbewegungen.

Aquarianer sind darauf angewiesen, importierte Neothauma-Gehäuse zu kaufen oder ihren Fischen als Ersatz Gehäuse von Weinbergschnecken anzubieten. Diese sind leicht zu erhalten und werden von den Schneckenbuntbarschen als vollwertiger Ersatz akzeptiert.

Varianten
Wie bei den meisten Tanganjikaseebuntbarschen findet man auch bei den Schneckencichliden Standort- und Farbvarianten. Insbesondere von Lamprologus ocellatus werden verschiedene Farbmorphen, teils mit orange- oder goldfarbenen, teils mit bläulichen Tönen importiert. Besonders interessant erscheint aber die Beobachtung von Büscher, dass bei Lamprologus speciosus Variationen in der Größe zu finden sind, die von der Größe der jeweils benutzten Schneckenhäuser abhängen. So waren die von Büscher untersuchten L. speciosus, die in Neothauma-Schneckenhäusern von etwa 30–35 mm Durchmesser lebten, etwa 3 mm (Weibchen) bis 1 cm (Männchen) größer die Exemplare, die an einem anderem Fundort Schneckenhäuser der Art Lavigeria grandis mit etwa 20–28 mm Durchmesser bewohnten. Versuche haben gezeigt, dass diese Unterschiede nicht durch Vererbung weitergegeben werden, sondern dass kleinere Exemplare weiter wachsen, wenn sie größere Schneckenhäuser angeboten bekommen. Diese Anpassungsfähigkeit an die Umwelt, auch als Plastizität bezeichnet, kann man auch für weitere Schneckenbuntbarsche annehmen, etwa für L. brevis. Sie dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass eine Reihe von Tanganjikaseecichliden, die in ihrer größeren Variante keine Schneckenbuntbarsche sind, Miniatur- oder Zwergformen entwickelt haben, die als Schneckencichliden leben. Hierzu zählt beispielsweise die von Aquarianern als „Schnecken-Compressiceps“ bezeichnete Variante von Altolamprologus compressiceps. Konings berichtet aber von weiteren Arten, für die das zutrifft, wie Altolamprologus (Neolamprologus) fasciatus, Neolamprologus mondabu, L. callipterus, Telmatochromis vittatus und T. temporalis.

Fische pflücken
Lange Zeit nach meiner oben beschriebenen ersten Begegnung mit Schneckenbuntbarschen konnte ich 1996 und 2002 in sambischen Gewässern Lamprologus ocellatus und Neolamprologus multifasciatus in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Auf der ersten Reise hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit Hans-Joachim Herrmann aus Hamburg auf einer Sandfläche in der Nähe von Kalambo Lodge L. ocellatus zu sammeln. Wegen der einfachen Fangtechnik bezeichneten wir unsere Tätigkeit scherzhaft als „Fische pflücken“, denn es reichte aus, die Schneckenbuntbarsche mit einer Handbewegung in ihr Schneckenhaus zu scheuchen und es aufzunehmen, wobei der Daumen die Öffnung verschließen musste, und die Gehäuse dann in einem Plastikbeutel zu verstauen.

Wir bedauerten es sehr, dass wir die prächtig gefärbten Exemplare später nicht mit nach Deutschland nehmen konnten. 2002 entdeckten wir bei einem Tauchgang mit Ad Konings vor Mbete Island einen riesigen Schneckenfriedhof mit verschiedenen Schneckenbuntbarschen, darunter N. multifasciatus und Telmatochromis vittatus. Trotz starker Wassertrübung und entsprechend geringer Sichtweite war einfach festzustellen, dass der über und über mit Schneckenhäusern bedeckte Streifen mindestens 10 m breit war und sich in beide Richtungen so weit hinzog, dass wir das jeweilige Ende auf diesem Tauchgang nicht fanden. Die Schneckenhäuser waren zum großen Teil erheblich beschädigt, aber trotzdem fanden sich in regelmäßigen, teils sehr geringen Abständen Pärchen oder Kolonien der kleinen Schneckencichliden, vor allem N. multifasciatus und Telmatochromis vittatus.

Neolamprologus meeli
Neolamprologus meeli, Pärchen. Foto: G. Zurlo


Bescheidene Ansprüche

Ein wichtiger Grund für die außerordentliche Beliebtheit der Schneckenbuntbarsche bei Aquarianern liegt sicher darin, dass sie keine gehobenen Ansprüche an ihre

Pflege stellen. Das beginnt mit der Tatsache, dass sie schon in vergleichsweise kleinen Aquarien gehalten werden können. Aber auch in Bezug auf Wasserwechsel, Beleuchtung und Filterung stellen sie nur Ansprüche, die wir bei jedem anderen Aquarium ebenso erfüllen müssten.

Entsprechend ihrer Herkunft erwarten sie allerdings einen pH-Wert um 7,5 und mittelhartes Wasser mit Werten ab 10 °dGH (Gesamthärte) und 15 °KH (Karbonathärte). Darüber hinaus benötigen die kleinen Fische auch nur kleine Futterportionen und die Verschmutzung des Aquarienwassers bleibt dementsprechend geringer. Besonders große Filter sind deshalb nicht notwendig und auch die Zahl der Wasserwechsel hält sich in Grenzen.

Auch die Ansprüche an die Einrichtung des Aquariums sind bescheiden: eine Schicht feiner Sand von etwa 6–8 cm Dicke mit einem halben Dutzend (oder mehr) Schneckenhäusern darauf, eventuell ein paar Steine auf dem Sandgrund, die Reviere markieren können, und die Bedürfnisse der Schneckenbuntbarsche sind erfüllt. Alle weiteren Einrichtungsobjekte wie ein Steinaufbau im Hintergrund oder Pflanzen dienen dazu, das Aquarium für den Betrachter attraktiver aussehen zu lassen. Sie sind aber für die Fische selbst nicht unbedingt erforderlich.

Die kleineren Schneckenbuntbarscharten ernähren sich in ihrem natürlichen Lebensraum überwiegend von Mückenlarven und Kleinkrebsen.

Sie können im Aquarium problemlos mit hochwertigem Flockenfutter ernährt werden, sollten aber Artemia salina als Nauplien und als Frostfutter sowie andere kleine Frostfuttersorten zusätzlich erhalten. Größere Schneckencichliden wie etwa L. callipterus fressen in der Natur auch Garnelen oder kleine Fische, und benötigen entsprechend größere Futterbrocken. Aber auch sie nehmen fast immer gern Flockenfutter, so dass die Ernährung der Schneckenbuntbarsche im Aquarium weitgehend problemlos ist.

Pseudotropheus livingstoni
Pseudotropheus livingstoni, ein Schneckenbuntbarsch aus dem Malawisee.
Foto: G. Zurlo


Gut zu vergesellschaften

In vielen Fällen wird man es vorziehen, Schneckencichliden in einem kleinen Artenaquarium separat zu halten. Das ist vor allem der Fall, wenn die Zucht im Vordergrund des Interesses steht. Je nach Art wird man ein Pärchen oder ein Männchen mit ein oder zwei Weibchen halten, vielleicht auch eine kleine Kolonie aus zwei, maximal drei Männchen und einer Reihe von Weibchen.

Besonders attraktiv für den Freund von Tanganjikaseebuntbarschen werden die Schneckenbuntbarsche aber dadurch, dass sie sich hervorragend zur Vergesellschaftung eignen. Platziert man im Vordergrund eines Tanganjikaseegesellschaftsaquariums einige Schneckenhäuser auf dem Sandboden und stellt sie einem Pärchen, Trio oder Trupp von Schneckenbuntbarschen zur Verfügung, so ist der sonst oft leere vordere Bereich des Aquariums hervorragend genutzt. Man wird dann nicht selten direkt hinter der Frontscheibe die interessantesten Beobachtungen machen. Auf diese Weise ist sogar eine Vergesellschaftung des kleinsten Schneckenbuntbarschs, des Koloniebrüters N. multifasciatus, mit einem der größten Cichliden des Tanganjikasees, Cyphotilapia frontosa, möglich.

Eine Vergesellschaftung verschiedener  Schneckenbuntbarsche miteinander ist dagegen, außer in sehr großen Aquarien ab 200 cm Länge, immer ein Risiko. Stattdessen ist es sinnvoller, sie als ideale Ergänzung zu vielen anderen Tanganjikaseecichliden zu betrachten. Sowohl in einem Aquarium mit Aufwuchsfressern wie Tropheus als auch in Gesellschaft von kleinen oder mittelgroßen Höhlenbrütern stellen sie eine Bereicherung dar. Auch mit Kärpflingscichliden der Gattungen Cyprichromis und Paracyprichromis vertragen sie sich meist ausgezeichnet.

Nicht empfehlenswert ist aus naheliegenden Gründen dagegen die Vergesellschaftung mit Arten, die selbst ausgeprägte Sandbewohner sind. Sandcichliden der Gattung Xenotilapia sind oft scheu und schreckhaft. Sie könnten durch die Konkurrenz um den Lebensraum Sandfläche stark unter Stress gesetzt werden. Robuste Cichliden, die auf Sandflächen heimisch sind, wie etwa die Callochromis-Arten, könnten dagegen die Schneckenbuntbarsche in Bedrängnis bringen.

Neolamprologus multifasciatus Neolamprologus-multifasciatus-Kolonie mit Jungfischen. Foto: G. Zurlo


Faszinierendes Verhalten

Der herausragende Grund, warum Schneckenbuntbarsche bei Aquarianern auf solch großes Interesse stoßen, ist zweifellos ihr faszinierendes Verhalten. Bei kaum einer anderen Gruppe von Aquarienfischarten haben wir die Möglichkeit, auf derart eingeschränktem Raum so viele interessante Verhaltensweisen zu beobachten. Bei bekannteren Arten wie L. ocellatus lädt der Umgang der Fische mit den Schneckenhäusern nicht nur zur Beobachtung, sondern auch zum Experimentieren ein. Zu verfolgen, wie ein L. ocellatus ein auf den Bodengrund gelegtes Schneckenhaus nach und nach mit Sand bedeckt, entweder die Öffnung frei lässt, um das Gehäuse zu bewohnen, oder sie völlig überdeckt, wenn er diese Absicht nicht hat, das gehört schon zu den besonders beeindruckenden Erlebnissen eines Aquarianers.

Der ungewöhnliche Größenunterschied zwischen den Geschlechtern, bei L. callipterus und L. cf. ornatipinnis in extremer Form zu sehen, ist ebenfalls ein Phänomen, das wir nicht jeden Tag in unseren Aquarien sehen können. Das Gleiche gilt in gewissem Maße auch für die Bildung von Harems und von Kolonien, was allerdings auch bei anderen Aquarienfischarten vorkommt. Für Aquarianer mit Forscherdrang ist aber die Aussicht von besonderem Interesse, dass viele ungewöhnliche Verhaltensweisen verschiedener Schneckenbuntbarsche noch nicht intensiv beobachtet oder detailliert beschrieben worden sind. Es bietet sich ein weites Feld an Beobachtungen, die noch erfasst und dargestellt werden sollten. Auch für professionelle Verhaltensforscher werden sich unter den Schneckenbuntbarschen in Zukunft noch viele geeignete Beobachtungsobjekte finden.

Unsichere Systematik
Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Vielzahl der Schneckencichliden in verschiedene Gruppen einzuordnen und ein wenig Ordnung in die Fülle der Namen zu bringen. Sortiert man sie nach ihrer Gattung, so erhält man scheinbar eine klare Untergruppierung. Diese Klarheit geht aber sofort verloren, wenn man sich bewusst macht, wie unsicher die Systematik der betroffenen Gattungen Lamprologus, Neolamprologus, Altolamprologus, Lepidiolamprologus und Telmatochromis ist, und dass verschiedene Autoren bestimmte Schneckenbuntbarsche unterschiedlichen Gattungen zuordnen. Insbesondere bei den Lamprologus und Neolamprologus ist man sich uneins, welche Schneckenbuntbarsche zu welcher Gattung zu zählen sind.

Obendrein legen neue Veröffentlichungen nahe, dass der Gattungsname Lamprologus grundsätzlich nicht für Cichlidenarten verwendet werden sollte, die im Tanganjikasee heimisch sind. Entsprechend verwendet ihn Konings nur noch mit Anführungszeichen, um seine Vorläufigkeit zu verdeutlichen. Wichtig ist es, sich vor Augen zu halten, dass Schneckenbuntbarsche nicht notwendigerweise eng miteinander verwandt sein müssen. Umgekehrt könnten durchaus Arten miteinander verwandt sein, von denen die eine ein Schneckenbuntbarsch ist, die andere dagegen nicht. Die Nutzung von Schneckenhäusern als Versteck und als Brutplatz hat sich mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Buntbarschen des Tanganjikasees mehrfach unabhängig voneinander als erfolgreiche Überlebensstrategie entwickelt.

Ordnet man die zahlreichen Arten der Schneckenbuntbarsche nach der Intensität der Beziehung, die sie zu ihrem Schneckenhaus haben, oder aber nach ihrer Größe, so erhält man durchaus ähnlich Gruppierungen.

Das erscheint auch sehr logisch, denn mit zunehmender Größe wird das Einschwimmen in das Schneckenhaus schwierig oder unmöglich, womit die Bindung an das Gehäuse notwendigerweise lockerer wird.

Obligate Schneckenbuntbarsche
Die engste Bindung an die Schneckenhäuser findet man bei den nahe miteinander verwandten Arten L. ocellatus, L. meleagris und L. speciosus. Entsprechend bieten diese Arten besonders interessante Beobachtungen beim Eingraben und Übersanden der Schneckenhäuser. Man pflegt sie meist paarweise, in größeren Aquarien auch als Trio (ein Männchen, zwei Weibchen). Die Jungfische, die sich noch eine Zeit lang im elterlichen Schneckenhaus aufhalten dürfen, werden vertrieben, wenn ein Pärchen erneut ablaichen will.

Neolamprologus brevis und N. calliurus sind früher wegen ihrer ähnlichen Körperform und -färbung nicht selten verwechselt worden.

Zwar zählen beide Arten zu den obligaten Schneckenbuntbarschen, aber ansonsten zeigen sich deutliche Unterschiede. Neolamprologus brevis ist die bisher einzige bekannte Art, bei denen beide Geschlechter zusammen in ein Schneckenhaus einschwimmen, das Weibchen zuerst. Das hatte dazu geführt, dass am Anfang die Fänger am Tanganjikasee nur Männchen erhielten, wenn sie die Fische aus ihren

Schneckenhäuser entfernten und die Gehäuse mit den noch darin sitzenden Weibchen zurück ins Wasser warfen.

Neolamprologus-brevis-Weibchen werden maximal 3 cm lang und Männchen 4 cm. Neolamprologus-calliurus-Männchen erreichen eine Gesamtlänge von 10 cm, so dass sie wie männliche L. callipterus nicht mehr in ein Schneckenhaus passen. Weibchen der Art werden allerdings auch nur 4 cm lang, so dass der Größenunterschied zwischen den Geschlechtern fast so ungewöhnlich ist wie bei L. callipterus. Neolamprologus-calliurus-Männchen haben im Gegensatz zu denen von N. brevis lang ausgezogene Schwanzflossenzipfel.

Neolamprologus ornatipinnis ist ein weiterer obligater Schneckenbuntbarsch, in dessen näherer Verwandtschaft es aber mehrere ähnliche Arten von verschiedenen Fundorten gibt, deren Unterscheidung nicht leicht fällt.

Neolamprologus meeli, N. hecqui und N. boulengeri (früher auch unter der Bezeichnung N. kirithvaithai bekannt) sind ebenfalls obligate Schneckenbuntbarsche, werden allerdings etwas größer als die Gruppe um L. ocellatus. Weibchen von N. hecqui und N. boulengeri können etwa 5 cm Länge erreichen, Männchen 7 cm. Auch hier passen die Weibchen gerade noch in ein Schneckenhaus. Die Männchen müssen sich durch Flucht vor Gefahren in Sicherheit bringen. Neolamprologus-hecqui-Männchen bleiben etwas kleiner, passen meist in ein Schneckengehäuse und bilden im Gegensatz zu den anderen beiden Arten oft einen Harem.

Es zeigt sich, dass es auch unter den obligaten Schneckenbuntbarschen Arten gibt, bei denen die Männchen nicht in ein Schneckenhaus passen. Umgekehrt gibt es aber unter den opportunistischen Schneckenbuntbarschen, die ja eigentlich nicht auf Schneckenhäuser angewiesen sind, solche, bei denen beide Geschlechter jeweils in ein eigenes Schneckengehäuse passen.

Opportunistische Schneckenbuntbarsche
Interessanterweise zählt mit Neolamprologus multifasciatus die neben L. ocellatus wohl häufigste und beliebteste Art der Schneckenbuntbarsche zu den opportunistischen Schneckenhausbrütern. Gerade diese Art ist ja aus einer Reihe von Gründen besonders zu empfehlen, wenn Aquarianer  zum ersten Mal kleine Tanganjikaseecichliden halten möchten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schneckencichliden kann man sie in einer Gruppe mit mehr als einem Männchen halten, die mit fortschreitender Vermehrung zu einer Kolonie heranwächst. Wegen dieses Sozialverhaltens und der geringen Größe ist N. multifasciatus natürlich auch besonders gut geeignet, schon in sehr kleinen Aquarien angemessen gepflegt zu werden.

Der Artname von Neolamprologus similis bezieht sich auf die große Ähnlichkeit dieser Art zu N. multifasciatus. Der deutlichste äußere Unterschied zwischen den beiden Arten sind die zusätzlichen Streifen über den Stirnbereich bei N. similis, die bei N. multifasciatus fehlen. Auch N. similis zählt nach Konings Beobachtungen (Koning 1999) zu den opportunistischen Schneckenbuntbarschen, während Büscher davon ausging, dass die Art keine Beziehung zu Schneckenhäusern habe. Im Aquarium haben diese beiden kleinsten Arten der Schneckenbuntbarsche die gleichen Ansprüche und gedeihen am besten in einem kleinen „Beet“ von Schneckenhäusern.

Neolamprologus longior
Neolamprologus longior ist nicht wirklich ein Schneckencichlide, nutzt die leeren Gehäuse aber gern als Versteck. Foto: G. Zurlo

Besonderheiten
Zu den opportunistischen Schneckenbuntbarschen werden auch eine Reihe von Arten gezählt, bei denen die Verhältnisse in Bezug auf die Schneckenhäuser überaus kompliziert sind. So zählen etwa die Telmatochromis-Arten T. bifrenatus, T. vittatus und T. temporalis zu dieser Gruppe, allerdings mit der Besonderheit, dass nur bestimmte kleiner bleibende Populationen Schneckenbuntbarsche sind. Andere Standortvarianten werden größer und leben und brüten in kleineren Höhlen.

Ähnliche Miniaturformen finden wir auch bei Arten aus anderen Gattungen: Altolamprologus compressiceps („Schnecken-Compressiceps“ oder Altolamprologus sp. „Sumbu“), Lamprologus callipterus oder Neolamprologus mondabu, der allerdings nur selten in unseren Aquarien zu finden ist.

Auf andere Weise kompliziert liegt der Fall bei Arten wie Lepidiolamprologus attenuatus und L. pleuromaculatus, die zwar als opportunistische Schneckenbuntbarsche gesehen werden können, die aber im allgemeinen ihre Eier auf der Außenseite der Gehäuse ablegen und im adulten Zustand zu groß sind, um in die Schneckenhäuser einzuschwimmen.

Zwei interessante Randerscheinungen der Schneckenbuntbarschszene sind Lamprologus (oder Neolamprologus) kungweensis und L. (N.) signatus. Beide sind wegen ihrer geringen Größe von Aquarianern vorschnell für Schneckenbuntbarsche gehalten worden. Beobachtungen im Lebensraum der Fische brachten aber die Erkenntnis, dass sie als Bruthöhlen Röhren im Schlammboden des  Tanganjikasees nutzen, so dass sie nicht zu den eigentlichen Schneckenbuntbarschen zu zählen sind. Beobachtungen müssen  noch zeigen, ob sie sich aber doch gelegentlich opportunistisch verhalten.

Extremer Größenunterschied
Eine ganz spezielle Art unter den Schneckencichliden soll zum Abschluss noch einmal besonders verdeutlichen, welch ungewöhnliche Merkmale diese Gruppe von Buntbarschen aufzuweisen hat. Lamprologus callipterus ist gleich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Während die Männchen bis zu 15 cm lang werden, erreichen die Weibchen maximal 6 cm, ein Größenunterschied, wie man ihn nur selten findet. Die Weibchen können also in die Schneckenhäuser einschwimmen, die Männchen  dagegen nicht. Männchen von L. callipterus versuchen immer einen Harem zu gründen, indem sie zahlreiche Schneckenhäuser an einem Platz zusammentragen.

Auf diese Weise können bis zu 20 Weibchen in einem Schneckenbeet versammelt sein, mit denen  das Männchen reihum ablaicht. Lamprologus-callipterus-Männchen stehlen sich oft gegenseitig die Schneckenhäuser mit den darin befindlichen Weibchen.

Halbwüchsige Männchen ab 7–8 cm Länge rotten sich oft zu großen Trupps zusammen, die gemeinsam auf Nahrungssuche gehen, um erfolgreicher Garnelen oder Jungfische zu erbeuten. Wenig bekannt ist, dass es auch von dieser Art eine Zwergform gibt, bei der dann auch die Männchen in die Schneckenhäuser passen. Darüber hinaus finden sich aber auch in den anderen, „großen“ Populationen „Zwergmännchen“ (auf Englisch als „sneaker“, also „Einschleicher“, bezeichnet), die aufgrund ihrer geringen Größe vom dominierenden Männchen nicht verjagt werden und auf diese Weise sogar die Gelegenheit bekommen, vereinzelt Gelege der Weibchen zu befruchten. Da Lamprologus callipterus insgesamt als ein eher friedlicher Cichlide bezeichnet werden kann, ist er durch diese vielen Besonderheiten sicherlich ein „heißer Tipp“ für den an Schneckenbuntbarschen interessierten Aquarianer.

Lamprologus callipterus
Pärchen von L. callipterus bei der Balz. Hier sieht man einmal gut den immensen Größenunterschied beider Geschlechter. Foto: G. Zurlo

Ideale Aquarienfische
Wer als Aquarianer bevorzugt Buntbarsche pflegt, weil sie eine Vielfalt an Beobachtungsmöglichkeiten von Verhaltensweisen zeigen, für den müssten Schneckenbuntbarsche von vornherein von höchstem Interesse sein. Aber auch wer seine Fische weniger systematisch beobachtet und sich einfach daran erfreut, wenn seine Aquarienbewohner ein vielfältiges und abwechslungsreiches Verhalten zeigen, kommt an Schneckenbuntbarschen eigentlich nicht vorbei. Selbst die schon besser bekannten Arten bieten immer noch eine Reihe von ungeklärten Fragen, zu deren Lösung sorgfältig beobachtende Aquarianer beitragen können. Darüber hinaus gib es aber auch eine Reihe von Arten über deren Identität, Verhalten und Brutbiologie noch so wenig bekannt ist, dass sich für Interessierte ein weites und überaus faszinierendes Betätigungsfeld bietet.

Auch wenn die Systematik der Schneckenbuntbarsche in vielen Bereichen noch ein Buch mit sieben Siegeln ist und Besserung in diesem Bereich auch nicht allzu schnell zu erwarten ist, so sollten sich doch Aquarianer dadurch nicht von der Pflege dieser wunderbaren Fische abhalten lassen. Schneckenbuntbarsche gehören zu den attraktivsten und bezauberndsten Aquarienfischen, die der Tanganjikasee und die Aquaristik zu bieten haben.

 

Literatur

Büscher, H. (1998): Eigenheim aus zweiter Hand: Buntbarsche in Schneckenhäusern. D. Aqu. u. Terr. Z. (Datz), Sonderheft Tanganjikasee: 51–59.

Härtl, M. (1996): Schneckencichliden aus dem Tanganjikasee: Arten und ihre Pflege und Zucht. Das Aquarium (5): 16–20.

Konings, Ad (1999): Tanganjika-Cichliden in ihrem natürlichen Lebensraum. El Paso.

Stiassny, M. L. J. (1997): A phylogenetic overview of the lamprologine cichlids of Africa (Teleostei, Cichlidae): a morphological perspective. S. Afr. J. Sci. 93: 513–523.

Zurlo, G. (1995): Schneckencichliden aus dem Tanganjikasee, Teil 1 & 2. Das Aquarium (9): 4–7; (11): 6–10.

Zurlo, G. (1999): Tanganjika Buntbarsche. München.

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