von Michael Härtl
Neolamprologus brevis aus dem afrikanischen Tanganjikasee hat sich so perfekt an das Leben in leeren Schneckenhäusern angepasst, dass die Art pro Pärchen mit einem einzelnen Häuschen auskommt. Ihre Behausungen finden die Fische meist in Gebieten mit ausgedehnten Sandflächen, auf denen die vereinzelt herumliegenden Schneckenhäuser den einzigen Schutz bedeuten.
Um den begrenzten Platz im Inneren der Schneckenwindungen optimal zu nutzen, haben die Geschlechter von Neolamprologus brevis ihre Körperform angepasst. Die Weibchen sind relativ schlank und gestreckt gebaut, die Männchen hoch und kurz. Den Sinn dieser Proportionen versteht man beim Beobachten der Tiere. Bei Gefahr oder auch nachts zum Schlafen verschwindet immer zuerst das Weibchen im Haus. Durch seine schlanke Form kommt es weiter nach hinten in die enger werdenden Windungen der Schnecke. So bleibt vorn Platz für seinen Gatten. Die Reihenfolge des Einschwimmens in das Haus ist daher von entscheidender Bedeutung für ein Pärchen. Schwimmt nämlich er zuerst hinein, hat sie keine Chance mehr hineinzukommen und ist einem Feind hilflos ausgeliefert.

Die erste aquaristisch bekannte Form von Neolamprologus brevis kam aus Sambia.
Foto: M. Härtl
Einen Nachteil hat diese Lebensweise allerdings. Bei der Vermehrung muss das Pärchen seine Behausung noch mit der bis zu 50-köpfigen Kinderschar teilen. Logischerweise wird es dann irgendwann zu eng in der Wohnung.
Aus diesem Grund betreibt Neolamprologus brevis keine allzu lange Brutpflege. Meist werden die Kinder sofort nach dem Freischwimmen aus der Wohnung geworfen, beziehungsweise sie verlassen sie freiwillig.
Die Jungen verbringen ihre Kindheit anschließend auf dem Sandboden, wo sie ihrer durchsichtigen Tarnfärbung vertrauen und regungslos auf dem Boden liegen. Schwebt ein Nahrungsteilchen mit der Strömung vorbei, schwimmen sie kurz hoch, packen es und legen sich anschließend sofort wieder auf den Untergrund. Mit zunehmendem Alter müssen sie dann irgendwann ein leeres, vor allem unbewohntes Schneckenhaus finden.
Ein platzsparender Aquarienbewohner
Im Aquarium lassen sich all diese Verhaltensweisen ebenfalls schön beobachten. Überhaupt ist N. brevis ein idealer Aquarienbewohner, da sein Platzbedarf logischerweise sehr gering ist. Die Tiere entfernen sich fast nie weiter als 20–30 cm von ihrem Schneckenhaus. Dieser Radius um ein Schneckenhaus herum entspricht auch in etwa der Reviergröße eines Paars. Die Weibchen achten aus den genannten Gründen sorgsam darauf, immer das Vortrittsrecht zu haben und halten sich meist in der näheren Umgebung des Hauses auf, während der Gatte über das Revier wacht.

Pärchen von Neolamprologus brevis sp. „Zaire“.
Foto: M. Härtl
Will man die Tiere vermehren, bietet es sich an, die Art in einem eigenen Becken zu halten. In Gesellschaft anderer Fische werden die Jungtiere meist gefressen, da sie sich, wie erwähnt, über die ganze Fläche des Aquarienbodens verteilen. Legt man auf die Nachzucht keinen Wert, lässt sich N. brevis gut vergesellschaften. Gibt man den Tieren nur ein Haus, so dass sie keine Auswahlmöglichkeit haben, kann man sie gezielt in eine bestimmte Ecke des Aquariums dirigieren. Dass die Fische ihr Schneckenhaus an einen anderen Ort transportieren, konnte ich nur sehr selten beobachten. Durch ihre geringe Größe sind sie in dieser Beziehung auch sehr eingeschränkt.
Als Gesellschaftsfische haben sich, wie bei allen Schneckencichliden, die Arten der Gattung Cyprichromis bewährt. Diese sogenannten Kärpflingscichliden leben im offenen Wasser und besiedeln so den ungenutzten Raum über den bodenbewohnenden Schneckenbuntbarschen. Auch die gemeinsame Haltung mit anderen Lamprologini, die zwischen Felsen leben, ist möglich. Hierzu muss man das Aquarium allerdings in einen Fels- und einen Sandteil aufgliedern.
In der Natur ist Neolamprologus brevis mit mehreren Farbformen über den ganzen Tanganjikasee verbreitet. Die einzelnen Formen unterscheiden sich meist jedoch nur in Kleinigkeiten voneinander. Das dürfte auf die vagabundierende Lebensweise der Jungtiere zurückzuführen sein.
Die zuerst in die Aquaristik eingeführte Form kam vermutlich aus Sambia zu uns. Die Männchen dieser Form haben einen hellbraunen Körper mit weißen Querstreifen in der hinteren Körperhälfte sowie weiße Streifen in der Schwanz- und der Afterflosse. Die Rückenflosse sowie die obere Hälfte der Schwanzflosse besitzen einen gelbweißen Saum. Die Weibchen haben außerdem, besonders kurz vor dem Ablaichen, einen auffälligen gelben Bauch, der eine besondere Bedeutung bei der Balz hat. Ist das Weibchen laichreif, präsentiert es dem Männchen seinen leuchtend gelben Bauch mit hochgestelltem Schwanz und zitternden Bewegungen.
Dasselbe Verhalten zeigen Weibchen der Gattung Pelvicachromis. Die Balzbewegungen dieser Gattung sehen denen der balzenden N. brevis sehr ähnlich. Ob das ein Zeichen für eine Verwandtschaft ist oder ob sich das Verhaltensmuster bei beiden Gattungen unabhängig voneinander entwickelt hat, kann ich nicht beurteilen.
Zwerge und Riesen
Doch zurück zu Neolamprologus brevis. Als die Tiere zuerst eingeführt wurden, kamen anfangs nur Männchen nach Deutschland, was allerdings keiner wusste, da noch niemand ein Weibchen gesehen hatte. So dachte man, die Art ließe sich nicht züchten. Büscher enträtselte das Geheimnis, nachdem er am Tanganjkasee beim Fang der Tiere zugesehen hatte. Die Fänger schüttelten die Fische aus den gesammelten Häuschen und warfen das vermeintlich leere Schneckenhaus nach dem Auftauchen des ersten Fischs ins Wasser zurück. Darin befanden sich aber noch die Weibchen. Nachdem das aufgeklärt war, kamen auch die Weibchen zu uns und der Vermehrung im Aquarium stand nichts mehr im Wege.

Die abgebildeten Neolamprologus sp. „Katabe“ ähneln Neolamprologus calliurus sehr. Foto: M. Härtl
Für weitere Verwirrung sorgte dann das Auftauchen zweier zum Verwechseln ähnlicher Formen im Handel. Als Neolamprologus sp. „Katabe“ wurde eine Form importiert, die zusätzlich zum sonstigen Erscheinungsbild einen gelben Fleck hinter dem Auge zeigte.
Etwa zeitgleich wurde N. sp. „margarae“ eingeführt. Jungtiere dieser Art sehen genau wie die der Katabe-Form aus. Erwachsene Männchen werden aber ungefähr 2 cm länger, haben eine längliche Körperform und bekommen eine gegabelte Schwanzflosse, wie man sie von Neolamprologus pulcher oder N. brichardi kennt.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei balzenden Weibchen. Das Margarae-Weibchen ist dunkelbraun mit unregelmäßigen weißen Flecken und zeigt keinen gelben Bauch. Die Art ist inzwischen von Ad Konings als Neolamprologus calliurus bestimmt worden. Leider sind aus Unwissenheit beide Arten gekreuzt worden, und man findet heute im Handel häufig Hybriden, die nur schwer zu erkennen sind.
Später wurde noch Neolamprologus brevis „Sun spot“ eingeführt. Diese Form zeigt eine viel dunklere Körperfärbung und die weißen Streifen sind verschwunden. Durch die schokobraune Färbung kommt der gelbe Bauch, den hier auch die Männchen zeigen, besser zur Geltung, daher der Name „Sun spot“. Eine weitere schöne Form ist Neolamprologus brevis „Zaire“. Bei dieser Variante ist die untere Hälfte der Schwanzflosse hübsch schwarz-weiß gesäumt.
Neben den Färbungsunterschieden fielen mir bei den verschiedenen Importen die Größenunterschiede der einzelnen Tiere auf. Ich fand Formen mit bis zu 8 cm Körperlänge im männlichen Geschlecht.
Daneben beschreibt Ad Konings eine Zwergform, die er bei den Karilani-Inseln gefunden hat und die mit 3–4 cm Länge erwachsen ist. In diesem Vorkommensgebiet sind die Schneckenhäuser mit einer Kalkkruste überzogen, so dass der spärliche Platz zusätzlich eingeengt wird. Anscheinend haben sich die Schneckenhausbewohner aber auch dieser Gegebenheit angepasst.
Umgekehrt müssten dann die großen Formen größere Häuser zur Verfügung haben. Auch die gibt es im Tanganjikasee. Die Schnecke Pila ovata erreicht einen Durchmesser von 8 cm und ihr Gehäuse könnte auch einem recht großen Neolamprologus-brevis-Paar Platz bieten.
Auch von Neolamprologus calliurus, der offensichtlich nahe mit N. brevis verwandt ist, wurde eine große Variante entdeckt. Sie ist als N. calliurus „Giant“ importiert worden. So ein Giant-Weibchen erreicht locker die Größe eines durchschnittlichen, normalen N.-brevis-Manns. Die Männchen dieser Form erreichen Ausmaße, die sie allerdings in kein Schneckenhaus mehr passen lassen. Sie leben wahrscheinlich in Gebieten, in denen sie andere Rückzugsmöglichkeiten haben. Im Aquarium kann man dieser Variante leere Meeresschneckenhäuser anbieten, die dann auch von den Männchen als Versteck genutzt werden.
Die Fortpflanzungsgewohnheiten von Neolamprologus calliurus sind anders als bei N. brevis. Im Aquarium hat sich gezeigt, dass die Art zur Haremsbildung neigt. Ein Männchen laicht also mit mehreren Weibchen ab. Anschließend bewacht es sein Revier mit den Häuschen der pflegenden Weibchen. Bei Wohnungsmangel scheint die Art ebenfalls erfinderisch zu sein. Es ist ein Fall beschrieben worden, bei dem mehrere Mütter ihre Gelege in einem gemeinsamen Haus abgelegt und gepflegt haben.
Wie man sieht, sind die kleinen Buntbarsche sehr einfallsreich und flexibel, was sie zu idealen Aquarienbewohnern macht. Sie bestechen zwar nicht durch plakative Farben, gleichen aber ihr schlichtes Erscheinungsbild durch ein interessantes Verhalten aus.
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