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Der Mexikanische Kampfkrebs – ein amerikanischer Überlebenskünstler

von Kai A. Quante

Die kleinen Krebschen mit dem martialisch klingenden Namen „Mexikanischer Kampfkrebs“ lassen sich als Astronauten, zur Algenbekämpfung oder als selbsttätig nachwachsendes Lebendfutter einsetzen. Man kann sie aber auch einfach als interessante Bewohner selbst kleinster Aquarien pflegen und züchten.

Hyalella azteca (Saussure, 1858) gehört zur Ordnung der Flohkrebse (Amphipoda), der Unterordnung Gammaridea und dort zur Familie der Hyalellidae. Sein deutscher Name ist „Mexikanischer Flohkrebs“, wobei sich in der Aquaristik „Mexikanischer Kampfkrebs“ durchgesetzt hat.

Hyalella azteca, Mexikanische Kampfkrebs
Hyalella azteca, der Mexikanische Kampfkrebs. Foto: K. A. Quante

Die Krebse sind unter anderem Anfang der 1980er Jahre (etwa 1981 von Günter Daul, Berlin) vom mexikanischen Río Atoyac mit Lebendgebärenden nach Deutschland eingeführt worden. Erst Ende der 1990er Jahre erfuhren sie vor allem durch Bernd Poßeckert eine größere Verbreitung in der Aquaristik. Auf ihn geht auch ihr Populärname zurück, wobei die Aufschrift „Vorsicht Kampfkrebse“ lediglich als für Postangestellte gedachte Abschreckung auf den an Aquarianer versandten Päckchen stand und nicht als Artbezeichnung gedacht war. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt, dass die Krebse im Aquarium wahre Kämpfer sind und vieles überstehen. Sie waren bereits einmal mit dem Space-Shuttle im Orbit und weitere Experimente sollen folgen.

 

Hohe Anpassungsfähigkeit

Die meisten Vertreter der Familie Hyalellidae leben im Meer. Die Hyalella azteca kommen jedoch im Süßwasser in Quellen, Bächen, Flüssen, Lachen und Seen vor. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Nord- bis Mittelamerika. Die ziemlich anspruchslose Art ist auf härteres Wasser angewiesen, wenig sauerstoffbedürftig und besitzt eine große Temperaturtoleranz, was die Gegebenheiten der Heimatbiotope widerspiegelt. In der Natur ernähren sich die Tiere primär von Detritus, also totem organischen Material, und verrottenden Pflanzenteilen.

Mexikanischer Kampfkrebse
Die Mexikanischen Kampfkrebse beim „Niederringen“ eines Stücks einer Mango.
Foto: K. A. Quante

 

Die Krebse werden bis zu 8 mm groß und sind abhängig vom Futter braun, grünlich oder cremefarben. Die Männchen werden etwas größer als die Weibchen. Der Körper ist seitlich zusammengedrückt und läuft in ein spitzes, ungeteiltes Hinterteil aus. Die Tiere haben einen heuschreckenähnlichen Kopf mit großen Augen und verhältnismäßig kurzen Antennen. Die vorderen Brustbeine sind zu Kieferfüßen umgewandelt. Mit den übrigen wird die Nahrung festgehalten, wobei bei den Weibchen die hinteren eine Bruttasche formen. Die Hinterleibsbeine werden zum Krabbeln und Schwimmen benutzt.

Für die erfolgreiche Haltung und somit auch Zucht haben sich hartes und wärmeres Wasser als vorteilhaft erwiesen. So scheint die Vermehrung bei 25–28 °C und einer Gesamthärte von mehr als 20 °dGH sehr viel produktiver zu sein als in kälterem und weicherem Wasser. Auch der pH-Wert sollte höher als 7 sein und nicht unter 6 sinken, um eine hohe Zuchtausbeute zu ermöglichen.

Über längere Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass in meinem Aquarienwasser (18–23 °C, pH-Wert um 6, um 3 °KH und um 8 °dGH) die produktive Zucht kaum möglich ist. Inzwischen haben sich meine Krebschen jedoch an dieses Milieu angepasst. Das heißt, dass sich diejenigen, die damit gut zurechtkommen, durchgesetzt haben und sich besser als gewünscht vermehren. Auch in meinen Krebsaquarien, deren Temperatur im Winter über längere Zeit auf etwa 15 °C sinkt, haben sie sich sehr gut behauptet.

Berichte, nach denen die Krebse auch Temperaturen um 4 °C über längere Zeit erdulden, kann ich nicht bestätigen. Ich vermute allerdings, dass einige besonders Hartgesottene das wirklich mitmachen. Aufgrund der hohen Toleranz gegenüber Wasserverschmutzung wäre somit zu befürchten, dass es bereits Freilandpopulationen dieser Krebschen in Deutschland gibt. Sie könnten über Aquarienwasser in die Kanalisation und dann in Klärteiche gelangt sein.

 

Pflanzen- und Detritusfresser

Einige Zeit vor der Paarung wird das Weibchen vom etwas größeren Männchen am Rücken gepackt und bis zu eine Woche lang durch das Aquarium geritten. Das Weibchen trägt bis zu 20 Eier zwischen anderthalb und drei Wochen lang mit sich herum, aus denen dann die kleinen Krebschen als Abbilder ihrer Eltern schlüpfen. Die Zeitigungsdauer hängt von der Temperatur ab, je höher, desto kürzer. Nach einem knappen Monat sind die Jungtiere dann bereits selbst geschlechtsreif.

Pinselalgen, Kampfkrebs
Ein mit Pinselalgen befallenes Blatt wird … Foto: K. A. Quante


…nach nur etwa 60 Stunden völlig algenfrei sein. Die kleinen Krebse haben mit den lästigen Pinselalgen aufgeräumt. Foto: K. A. Quante

 

Wo und mit wem die Hyalella zu halten sind, hängt davon ab, was man erreichen möchte. Gammariden sind in der Aquaristik seit langem als Trockenfutter für barschartige Fische und Schildkröten beliebt. Daueransätze von lebenden Tieren heimischer Arten wie Gammarus pulex oder Gammarus roeseli scheitern in der Regel nach wenigen Tagen am hohen Sauerstoffbedarf oder am Unvermögen dieser Arten, bei höheren Wassertemperaturen zu überleben.

Somit kann man Hyalella azteca als Futtertier verwenden und gesondert züchten. Dazu eignen sich bereits Behälter ab 1 l Inhalt. Obwohl die Krebse, wie bereits erwähnt, auch gegenüber schlechten Wasserbedingungen recht tolerant sind, sollten für eine produktive Zucht ein regelmäßiger Wasserwechsel mit abgestandenem Wasser durchgeführt und das Becken mit einem Sprudelstein leicht belüftet werden.

Als Einrichtung dient beispielsweise Javafarn, der in der Regel nicht gefressen wird. Feine Pflanzen wie Javamoos gehören zur Leibspeise der kleinen Krebse und eignen sich daher weniger als Einrichtungsmaterial denn als Futter. Auch Moorkienholz und trocken gesammeltes Buchenlaub können gut zur Einrichtung verwendet werden, wobei das Laub mit der Zeit gefressen wird.

Da die Kleinen recht lichtscheu sind, sollte das Zuchtbecken nicht zu hell stehen und genug Versteckmöglichkeiten bieten. Mit etwas Filterschlamm aus einem eingefahrenen Aquarium wird das Becken angeimpft.

Ein derartig eingerichteter Zuchtbehälter kann schnell ausgeräumt werden. Die Tiere kann man beispielsweise mit einem feinen Kescher abfangen. Oder man stellt ein Glas ins Hyalella-Becken, in das man ein Stück Mango legt, und nimmt dann nach einer Weile das Glas samt Inhalt heraus. Auch ein ehemals gefrorener halbierter

und mit der Schnittfläche nach unten ins Becken gelegter Rosenkohl kann als Fanggerät dienen, da sich die Krebschen dann unter der Halbkugel sammeln und samt Rosenkohl aus dem Wasser genommen werden können.

Im Aquarium halten sich die Kampfkrebse vornehmlich in den Pflanzen und im Bodengrund auf. Außerdem krabbeln sie in den inzwischen weit verbreiteten Hamburger Mattenfiltern umher und verwerten dort den Filtermulm. Dadurch verstopft der Filter einerseits nicht mehr, aber andererseits werden die Mulmreste dann derartig fein aufgearbeitet, dass sie nicht mehr im Filter oder Boden bleiben, sondern frei im Wasser schweben und somit den Blick ins Aquarium stark trüben.

Gefüttert werden können Hyalella azteca mit einer breiten Palette an Futter. Besonders gern fressen sie süßes Obst, beispielsweise Mango, und verschiedenes gefrorenes oder überbrühtes Gemüse, wie Rosenkohl, Spinat, Gurke und Löwenzahn. Kaninchenpellets und Frostfutter bereichern den Speiseplan zusätzlich. Interessant ist, dass sie auch sehr gern die berüchtigten schwarzen Pinselalgen fressen! Das kann man ausnutzen, indem man die befallenen Pflanzen wie Farne oder Anubias sowie Wurzeln oder Steine in ein etwas größeres Hyalella-Aquarium gibt und ein paar Tage wartet, bis die Dinge wieder algenfrei sind. Dann darf man vor dem Zurücksetzen nur nicht vergessen, sie gut abzuspülen oder noch besser, in Sprudelwasser zu tauchen, das die Krebse abtötet.

Leider fressen die Hyalella auch den Laich von Fischen, wie hier ein Gelege von Ancistrus sp. L 159. Foto: K. A. Quante


Sieht zwar furchtbar aus, erfüllt aber ebenfalls den Zweck: ein Trichterglas zum Krebschenfang. Foto: K. A. Quante

Schwarzbarsche als Räumungskommando

Als Gesellschaft für andere Tiere kommen die Kampfkrebse aufgrund ihres Fressverhaltens nur sehr eingeschränkt in Frage. Die kleinen Krebschen fressen nämlich – wie bereits erwähnt – Javamoos und machen sich auch über Fischlaich und frisch gehäutete Garnelen her.

Miterleben musste ich das, als ich das Gelege eines Altamira-Antennenwelses (L 159) künstlich ausbrüten wollte und mir nichts Böses dabei dachte, als auf dem Laichklumpen reichlich Hyalella saßen. Ich glaubte an das Gute bei den Tieren und dachte, dass sie die Eier sauber halten würden. Leider haben sie innerhalb von zwei Tagen den kompletten Laich aufgefressen.

Fressfeinde sind gleichzeitig auch Tiere, die gut mit den Hyalella gefüttert werden können. Zu beachten ist, dass Gammarus-Arten aufgrund ihrer harten Außenschale nicht für alle Fischarten als Lebendfutter geeignet sind. Barsche, viele Lebendgebärende oder verschiedene Schmerlenarten haben sie jedoch zum Fressen gern. Insbesondere für kleiner bleibende Kugelfische sind sie ein ideales Futter, da sie schön knusprig sind und den Jagdinstinkt wecken. Man glaubt gar nicht, wie schnell ein sonst träger Kugelfisch werden kann, wenn er hinter einem Kampfkrebschen herjagt.

Inzwischen setze ich die bis zu 1,5 cm großen Zwergkugelfische Carinotetraodon travancoricus gezielt in mit Hyalella befallene Becken, um die kleinen Biester kurz zu halten. An Zwerggarnelen vergreifen sich meine Carinotetraodon travancoricus und Carinotetraodon lorteti bisher nicht oder kaum, was aber nicht generell gelten muss. Bei Kugelfischen ist immer Vorsicht geboten.

Auch die Trugdornwelse Tatia perugiae erweisen sich bei mir als gute Hyalella-Fresser. Einige Krebse wie Cambarellus patzcuarensis oder auch Großarmgarnelen wie die Ringelhandgarnelen Macrobrachium dayanum oder Macrobrachium assamensis können sich als geschickte Azteca-Jäger herausstellen.

Interessanterweise haben sich bei mir die kaum

2,5 cm großen Zwergschwarzbarsche (Elassoma evergladei) als regelrechtes Kampfkrebsräumkommando herausgestellt. Innerhalb von 14 Tagen haben sie zu viert ein 90-l-Aquarium mit reichlich Krebschen scheinbar leer gefressen. Aus meiner Studentenzeit, in der ich die Fischchen gezüchtet habe, war mir bekannt, dass sie fast ausschließlich Lebendfutter fressen. Deshalb habe ich sie mir auf der letzten Fischbörse in Braunschweig auch für mein verseuchtes Kaltwasser-Krebsbecken zugelegt. Aber dass sie so verfressen sind, hätte ich nicht gedacht.

Die Kampfkrebse gänzlich aus einem Aquarium zu vertreiben ist auch mit starkem Besatz an Fressfeinden kaum zu bewerkstelligen, da sich immer einige im Bodengrund oder im Filter verstecken und somit für die Arterhaltung sorgen. Auch das Ansäuern des Wassers und das Absenken der Härte oder der Temperatur sind in der Regel nicht soweit möglich, dass andere Aquarienmitbewohner nicht zu Schaden kommen.

Um den Bestand zu reduzieren, kann man auch auf die bewährte Reusenmethode zurückgreifen. Man bastelt sich ein Gefäß mit einem trichterförmigen Eingang, in das man Futter gibt. Da der Eingang trichterförmig im Inneren der Reuse endet, finden Tiere gut hinein, aber kaum wieder heraus. Sollte es sich um ein Gefäß ohne Wasseraustausch handeln, muss man täglich Futter und Wasser darin wechseln, da durch das Verderben des Futters kein Krebschen mehr in die Falle schwimmt.

Wenn man die Krebse loswerden will, hilft es leider häufig nur, das Aquarium komplett neu einzurichten und zu hoffen, dass man sich nicht doch wieder ein Zuchtpärchen der kleinen Racker einschleppt.

Weitere Informationen zu Wirbellosen im Aquarium finden Sie unter www.wirbellose.de.

 

Literatur:

Dekkers, W. J. (1975): Review of the Asiatic freshwater puffers of the genus Tetraodon Linnaeus, 1758 (Pisces, Tetraodontiformes, Tetraodontidae). Bijdragen tot de Dierkunde 45 (1): 87–142.

Kottelat, M. (1998): Fishes of the Nam Theun and Xe Bangfai basins, Laos, with diagnoses of twenty-two new species (Teleostei: Cyprinidae, Balitoridae, Cobitidae, Coiidae and Odontobutidae). Ichth. Expl. Fresh. 9 (1): 1–123.

Kottelat, M. (2001 a): Fishes of Laos. Colombo.

Kottelat, M. (2001 b): Nomenclatural status of names of tetraodontiform fishes based on Bibron’s unpublished work. Zoosystema 23 (3): 605–618.

Roberts, T. R. (1998): Freshwater fugu or pufferfishes of the genus Tetraodon from the Mekong basin, with descriptions of  two new species. Ichthyological Research 45 (1): 225–234.

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