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AMAZONAS 14, Novemer/Dezember 2007, Seite 14–21

Die kleinen Bärblinge der Gattung Boraras

von Flair Wang

Unter den vielen südostasiatischen Karpfenfischen gibt es eine Gruppe, die vermutlich jeder Aquarianer kennt. Obwohl die Fische für Angehörige der Familie Cyprinidae ungewöhnlich klein sind, begeistern sie den Betrachter mit ihren leuchtenden, attraktiven Farben. Außerdem zeigt jede Art eine besondere Punkt- oder Streifenzeichnung auf dem Körper, die bei den kleinen Fischen besonders interessant und spaßig wirkt. Diese Bärblinge gehören zur Gattung Boraras.


Boraras urophthalmoides kommt in der Natur in großen Zahlen vor.
Foto: N. Panitvong

Die Gattung Boraras war ursprünglich ein Teil der Cypriniden-Gattung Rasbora, die die meisten mittelgroßen und kleinen Bärblinge enthält. Als Kottelat und Vidthayanon 1993 Boraras micros beschrieben, stellten sie diese neue Gattung auf, zu der unter 2 cm lange Karpfenfische mit charakteristischer Zeichnung gehören. Der Name Boraras ist ein Anagramm von Rasbora, also durch Neukombination der Buchstaben entstanden. Bisher sind dieser Gattung fünf Arten zugeordnet worden: Boraras maculatus, B. brigittae, B. merah, B. urophthalmoides und B. micros. Eine weitere Art, die vor einigen Jahren in Südthailand gefunden worden ist, ist noch nicht beschrieben worden.


Wenn man ins Wasser schaut, findet man neben Nymphaea stellata eine Gruppe von Boraras urophthalmoides.
Foto: N. Panitvong

Saure Gewässer

Mit durchschnittlich 2 cm Länge gehören die Boraras-Arten zu den kleinsten Süßwasserfischen der Welt und sicher auch zu den am schönsten gezeichneten. Man kann sie in Regenwaldbächen, Tümpeln und Feuchtgebieten in vielen Ländern Südostasiens antreffen.

Oft bieten sie einen beeindruckenden Anblick, wenn sie in Schwärmen von tausenden von Tieren auftreten. Für gewöhnlich besteht ein Zusammenhang zwischen der Farbe der Fische und der des Wassers, in dem sie leben. Rötliche Arten wie der Moskitobärbling, B. brigittae, leben meist in rotbraunem Wasser. Der Schwanzfleckbärbling, B. urophthalmoides, bevorzugt dagegen klares Wasser von hoher Transparenz.

Die pH-Werte der Gewässer, in denen die Boraras-Arten leben, reichen von 3,5 bis 6,8 und die Härtegrade von 2 bis 18 °dGH, was ein recht großer Bereich ist, aber insgesamt bevorzugen die Fische saures Wasser. Wegen ihres kleinen Mauls können sie keine große Nahrung zu sich nehmen. Die in Waldbächen lebenden Arten fressen daher kleine Würmchen, organische Schwebstoffe oder Plankton-Organismen. Die Arten der Tümpel oder Feuchtgebiete mit langsamem Wasserdurchfluss ernähren sich von kleinen Krebstierchen wie Cyclops oder von Rädertierchen.


Einer der Gründer von siamensis.org, Nonn Panitvong, fotografiert Boraras urophthalmoides im natürlichen Lebensraum. Selbst mit einer Tauchmaske brennt das Wasser vom pH-Wert 3,5 in den Augen.
Foto: F. Wang

Boraras maculatus

Der Zwergbärbling, B. maculatus, ist wahrscheinlich die bekannteste Boraras-Art und auch die erste bei uns eingeführte. Er ist auf der gesamten Malaiischen Halbinsel (Südthailand, Malaysia und Singapur) sowie auf Sumatra (Indonesien) weit verbreitet. Seine Lebensräume sind meist kleine Bäche in Waldgebieten. Boraras maculata ist eine kleine, leuchtend rote Art, wobei die Färbung in den Flossen besonders ausgeprägt ist. Die lustig wirkenden großen schwarzen Flecke auf dem Vorderkörper haben den Fischen im Chinesischen zum Namen Clown-Bärbling verholfen. An den Basen der Schwanz- und Afterflossen tragen die Tiere kleine schwarze Flecke.


Zwergbärblinge, Boraras maculatus, verstecken sich oft zwischen Wasserpflanzen. Foto: F. Wang


Boraras maculatus
, Männchen. Foto: F. Wang

Boraras urophthalmoides

Der Schwanzfleckbärbling, Boraras urophthalmoides, lebt im Einzugsgebiet des Mekong, also in Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam. Der schwarzgrüne breite Streifen auf der Körperseite ist das auffallendste Merkmal. Über diesem Streifen befindet sich eine leuchtend orangefarbene Linie, die in die Ränder des oberen und des unteren Schwanzflossenlappens ausläuft. Obwohl die Farben dieser Art abhängig vom jeweiligen Lebensraum variabel sind, zeigen die Fische bei niedrigem pH-Wert den schönsten Glanz. Sie leben zu zehntausenden in Sümpfen und Tümpeln, und wegen dieser großen Mengen sind die Preise oft relativ niedrig. In den meisten Fällen wird die Art über Singapur exportiert, obwohl manche Tiere auch in Vietnam gefangen und von dort aus direkt ausgeführt werden.

Boraras brigittae

Der Moskitobärbling, Boraras brigittae, ist die am kräftigsten rot gefärbte Art der Gattung. Die Fische stammen aus Indonesien und können in den tropischen Regenwäldern Sumatras, Südborneos und Sulawesis gefangen werden. Wegen ihres dunkelgrünen Streifens ist die Art ursprünglich als Unterart von Boraras urophthalmoides betrachtet worden. Boraras brigittae ist allerdings schlanker und kräftiger rot gefärbt und die roten Streifen auf den Schwanzflossenrändern sind unterbrochen.


Zwei Männchen des Moskitobärblings, Boraras brigittae.
Foto: F. Wang


Bei Boraras brigittae kann man Männchen und Weibchen leicht unterscheiden. Das Weibchen (vorn) besitzt unscharfe grüne Streifen und einen hellen Körper, während das Männchen stärker rot gefärbt ist und deutliche grüne Streifen präsentiert. Foto: F. Wang

Boraras merah

Diese bezaubernde Art lebt in den westlichen und südlichen Teilen Borneos. Wegen der ovalen Flecke auf dem Vorderkörper wird sie im Chinesischen manchmal als Ovalfleck-Bärbling bezeichnet. Ein besonderes Merkmal ist, dass der ovale Fleck von einem leuchtenden rosaroten Saum umgeben ist, der sich bis in den Schwanzbereich erstrecken kann. Diese Farbe lässt die Art besonders attraktiv erscheinen. Boraras merah kommt in der Nähe des Verbreitungsgebiets von B. brigittae vor. Im Vergleich zu anderen Arten der Gattung wird B. merah unregelmäßiger exportiert.


Männchen von Boraras merah. Foto: F. Wang


Weibchen von Boraras merah. Foto: F. Wang

Boraras cf. Micros

Boraras micros, der Rubin-Zwergbärbling, ist möglicherweise noch gar nicht für die Aquaristik importiert worden. Stattdessen findet man im Handel verschiedene ähnliche Formen, wie etwa Boraras cf. micros, wobei es sich hier auch um eine eigene Art handeln könnte. Die Fische leben im Mekong, wo der Nordosten Thailands an Laos grenzt. Neu importierte Fische zeigen oft eine mattgoldene Farbe, so dass sie im Chinesischen als Goldene Bärblinge bezeichnet werden. Verglichen mit den anderen Arten der Gruppe sind die Tiere kürzer, aber hochrückiger. Sie wirken gelblich transparent und tragen drei kleine runde Flecke auf dem Körper, die leuchtend rosarot gesäumt sind.


Boraras cf. micros. Foto: F. Wang

Boraras sp.  „Südthailand“

Boraras sp. „Südthailand“ ist 2001 in Südthailand entdeckt worden. Wegen ihrer Ähnlichkeit mit Boraras cf. micros ist diese rötlichere Form oft als Boraras sp. „Red micros“ exportiert worden. Bei genauer Betrachtung ähnelt sie allerdings mehr den Zwergbärblingen, Boraras maculatus, der südlichen Malaiischen Halbinsel. Diese weisen allerdings auf dem Vorderkörper größere Flecke als Boraras sp. „Südthailand“ und zwei Flecke oberhalb der Afterflosse im Gegensatz zu einem auf.

Boraras im Handel

Der Zwergbärbling, Boraras maculatus, ist auf der Malaiischen Halbinsel weit verbreitet. Da sich seine Lebensräume in der Nähe von Singapur befinden, ist er lange die bevorzugt gefangene Art gewesen. In der letzten Zeit sind die meisten Zwergbärblinge allerdings direkt aus Thailand exportiert worden. Wie B. maculatus kommt auch der Schwanzfleckbärbling, B. urophthalmoides, in großen Zahlen in der Natur vor, so dass die Tiere in den letzten Jahren zu niedrigen Preisen gehandelt werden konnten.


Boraras sp. „Südthailand“. Foto: F. Wang

Wegen ihrer schönen Farben ist das Interesse an B. brigittae und B. merah in den letzten Jahren sehr stark gestiegen, und manchmal können die Fänge die Nachfrage nicht befriedigen. Boraras cf. micros und B. sp. „Südthailand“ sind vor weniger als zwei Jahren auf dem Markt aufgetaucht, doch man nimmt an, dass sie in Zukunft an Beliebtheit gewinnen werden.

Da viele sehr ähnliche Formen importiert worden sind, ist eine exakte Bestimmung nach dem Aussehen schwierig geworden. Außerdem sind gleiche Arten unter den verschiedensten Namen exportiert worden, so dass die Händler sie nicht eindeutig identifizieren konnten und ihrerseits neue Handelsnamen erschaffen haben. Das geschieht vor allem im chinesischsprachigen Markt, da hier eine Art immer mehrere Populärnamen trägt.

Da sich bei den Boraras-Arten auch die Geschlechter im Aussehen unterscheiden, kann leicht das Weibchen einer Art als Tier einer anderen bestimmt werden. Beispielsweise kann man ein Weibchen von Boraras brigittae leicht für B. merah halten. Vor dem Kauf sollte man daher genau überprüfen, ob es sich wirklich um die gewünschte Art handelt, und man sollte immer die korrekten wissenschaftlichen Namen zur Bezeichnung der Tiere benutzen.

Gar nicht schwer zu pflegen

Wegen ihrer geringen Größe und der schlanken Gestalt wirken Boraras-Arten recht empfindlich. Sie sind jedoch nicht so schwer zu pflegen, wie man denken könnte. Frisch geschlüpfte Artemia-Nauplien sind ihr Lieblingsfutter, doch sie sind nicht wählerisch und nehmen auch feines Granulat oder kleine Flocken an.


Dieses Tier ist mit der falschen Neonkrankheit infiziert und weist
auf dem Rücken weiße Nekrosen auf. Foto: F. Wang


Frische geschlüpfte Artemia sind das ideale Futter für Boraras. Foto: F. Wang

Boraras-Arten mögen kein hartes Wasser. Sie bevorzugen geringe Härtegrade und niedrige pH-Werte, bei denen ihre Farben am besten zur Geltung kommen.

Hält man die Tiere über längere Zeit in organisch stark belastetem Wasser, kann es zu einer Infektion der Kiemen kommen. Sie atmen dann schneller und spreizen die Kiemendeckel ab. Es kann auch zu einem Ausbruch der gefürchteten Neonkrankheit (vermutlich handelt es sich um die durch Bakterien verursachte „falsche Neonkrankheit“) kommen. Der Körper bleicht dann aus und weißliche Nekrosen treten auf. Wenn man sich seine Fische aussucht, sollte man darauf achten, dass sich im Verkaufsaquarium keine Tiere mit den oben genannten Symptomen befinden.

Da Boraras immer in Schwärmen leben, sollte man sie auch in einem gut bepflanzten Aquarium in großen Gruppen halten, so dass ihre wunderbaren Farben gut zur Geltung kommen. Wenn man an ihre geringe Größe denkt, kommen sie auch für ein „Schreibtischaquarium“ in Betracht.


Natürlicher Lebensraum von Boraras maculatus in Johor,
Malaysia, mit einem pH-Wert von 6,8 und einer Härte
von 10 °dGH. Foto: F. Wang

Da die kleinen Bärblinge nicht aggressiv sind, sollte man sie auch nicht mit ruppigen Fischen vergesellschaften. Barben, Kampffische oder Buntbarsche von mehr als 5 cm Größe sind natürlich für die Boraras gefährlich, da sie sie leicht fressen können und man sich dann wundert, warum der Bestand immer weiter abnimmt. Wenn man diese Hinweise beachtet, wird man jedoch viel Freude an den kleinen Bärblingen haben.

Übersetzung: Michael Kokoscha

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