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AMAZONAS 14, Novemer/Dezember 2007, Seite 22–25

Südamerikanische Mini-Fische

von Stanley H. Weitzman

Jedes Jahr werden mehrere neue Mini-Fisch-Arten entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. Viele von ihnen weisen „Präadaptionen“ für das Leben im Aquarium auf, sind also gut darauf vorbereitet. Tatsächlich sind verschiedene Mini-Fisch-Arten und Gattungen von Zeit zu Zeit oder auch regelmäßig importiert worden und manche werden aus Interesse von spezialisierten Aquarianern oder auch auf breiter kommerzieller Basis gezüchtet.


Wohl einer der bekanntesten südamerikanischen Mini-Fische ist der Neonsalmler, Paracheirodon innesi. Foto: H.-G. Evers

In Südamerika leben zur Zeit über 100 bekannte Arten von Süßwasserfischen, die der von Weitzman & Vari (1988) publizierten Definition kleiner Fische entsprechen. Die Autoren haben hier 85 südamerikanische Mini-Arten aufgelistet, doch seitdem sind viele weitere entdeckt und beschrieben worden, und manche warten auch noch auf ihre Beschreibung. Die durchaus willkürliche Definition beschreibt Fische, die nicht über 25–26 mm Standardlänge aufweisen (gemessen von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzflossenbasis).


Ein beliebter Zwergpanzerwels ist Corydoras pygmaeus. Foto: H.-G. Evers

Mini-Fische findet man wahrscheinlich am häufigsten in der Familie Characidae, doch auch in der Familie Engraulidae, zum Beispiel mit den Arten der Familie Amazonsprattus. Die Familie Lebiasinidae schließt die Arten der Gattung Nannostomus ein. Bei den Characidae finden sich kleine Arten beispielsweise in den Gattungen Priocharax, Iotabrycon, Scopaeocharax, Tyttocharax, Xenurobrycon, Axelrodia, Oxybrycon, Cheirodon, Spintherobolus, Thrissobrycon, Tyttobrycon, Elachocharax, Jobertina, Klausewitzia und natürlich Paracheirodon, Hemigrammus und Hyphessobrycon.

Manche dieser Gattungen sind den Aquarianern nicht sehr vertraut, doch ihre Zahl deutet auf das große Potenzial für den Import salmlerartiger Aquarienfische aus Südamerika hin. Arten wie die der Gattung Tyttocharax werden selten importiert, sind aber schon im Aquarium nachgezüchtet worden und weisen unter dem richtigen Licht brillantblaue Körper auf. Andere wie die Arten der Gattung Paracheirodon (Neonsalmler) sind leuchtend gefärbt und den Aquarianern gut bekannt.


Auch aus der Familie Poeciliidae (Lebendgebärende Zahnkarpfen)
kennen wir Mini-Fische, wie den Teddykärpfling, Neoheterandria
elegans. Foto: H.-G. Evers

Auch verschiedene Welsfamilien enthalten kleine Arten. Zum Beispiel gehören zur Familie Trichomycteridae die Gattungen Trichomycterus, Pygidianops, Paravandellia, Miuroglanus, Tridensimilis, Tridentopsis, Malocoglanus und Sarcoglanus. Zu den Loricariidae gehören die Gattungen Otocinclus und Parotocinclus und zu den Callichthyidae einige kleine Arten der Gattungen Aspidoras und Corydoras. Zu den Aspredinidae zählen die Gattungen Dupouyichthys und Hoplomyzon, zu den Scoloplacidae die Arten der Gattung Scoloplax und zur Familie Pimelodidae die Arten der Gattung Horiomyzon.


Der kleinste bekannte Ziersalmler ist Nannostomus anduzei.
Foto: H.-G. Evers


Hin und wieder als Beifang von roten Neonsalmlern zu finden
ist Odontocharacidium aphanes. Foto: H.-G. Evers


Zusammen mit dem kleinen Microcharadium wurde dieser
Miniwels aus der Unterfamilie Glanapteryginae (Familie
Trichomycteridae) in den Laubschichten des Uferbereichs gefunden
(Brasilien, Rio Tocantins bei Tucurui). Foto: H.-G. Evers


Corydoras hastatus. Foto: H.-G. Evers

Viele, aber nicht alle Mini-Arten leben in versteckten Lebensräumen wie zwischen abgesunkenen Blättern auf dem Grund kleiner Bäche und Tümpel. Dies ist offensichtlich der Lebensraum der Arten der Welsgattung Scoloplax. Andere wie die Arten der Salmlergattung Thrissobrycon sind Fische des freien Wassers, die in Schwärmen in der Nähe der Wasseroberfläche leben, aber für die Haltung im Aquarium nicht gut geeignet sind. Die meisten kleinen Arten findet man allerdings entlang der Küsten von Seen und Bächen zwischen den Wasserpflanzen und der Ufervegetation, wo es eine Vielzahl von Versteckplätzen gibt. Die an diese Lebensräume angepassten Mini-Fische sind am besten für das Leben im tropischen Süßwasser-Aquarium geeignet.


Zwischen dem im Wasser liegenden Laub leben viele kleine Fischarten,
die so vor dem Zugriff größerer Räuber geschützt sind
(Brasilien, oberer Rio Negro Einzug). Foto: H.-G. Evers

Fast alle, wenn nicht sogar alle Mini-Arten weisen besondere Eigenschaften des Körperbaus auf, die den Ichthyologen als pädomorphe Eigenschaften bekannt sind. Diese Eigenschaften sind insbesondere im Vergleich zu ihren größeren nahen Verwandten eine Reduktion in der Ausprägung des Seitenliniensystems an Kopf und Körper, eine Verkleinerung der Strukturen der Knochen des Kopfes, oft eine Verringerung der Zahl der Flossenstrahlen in allen oder den meisten Flossen und eine Reduktion in der Zahl der Flossenstrahlen. Interessant ist es vielleicht, dass Mini-Fische im Vergleich zu ihren größeren Verwandten proportional größere Augen besitzen. Das liegt daran, dass es physikalische Grenzen gibt, bis zu denen ein Wirbeltierauge verkleinert werden kann, und viele Mini-Fische bereits so klein sind, dass sich das bei ihnen auswirkt.


Wasser zwischen den Pflanzen leben Microcharacidium sp., Hyphessobrycon sp., eine kleine Wels-Art aus der Familie Trichomycteridae und Jungfische vieler anderer Arten (Zentralbrasilien, Rio-Xingu-Einzug). Foto: H.-G. Evers

Da viele der kleinen Arten noch auf ihre Entdeckung und Beschreibung warten, und da viele beschriebene Arten noch nie lebend importiert worden sind, bieten kleine südamerikanische Süßwasserfische Aquarianern einiges an Potenzial als erfolgreiche Aquarienfische und stellen sehr schöne kleine „Edelsteine“ dar.


Der Zwergkärpfling Pamphorichthys araguaiensis. Foto: H.-G. Evers

Literatur

Weitzman, S. H., & R. P. Vari (1988): Miniaturization in South American freshwater fishes; an overview and discussion. Proc. Biol. Soc. Wash. 101 (2): 444–465.

Übersetzt von Michael Kokoscha

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