AMAZONAS 14, Novemer/Dezember 2007, Seite 38–41
Interview: Zu Besuch bei Alan P. Vaissiere
Alte Schule
Im kleinen nordenglischen Städtchen St. Helens lebt ein Urgestein der englischen Aquaristik, einer mit dem „Grünen Daumen“ für die Zucht, besonders von kleinen Fischen. Die AMAZONAS-Redaktion hat ihn für Sie besucht und viele interessante Dinge von dem Meisterzüchter erfahren. Alan P. Vaissiere ist ein Kavalier und Gentleman der alten Schule, immer adrett gekleidet und von unschlagbarem Charme.

Alan Vaissiere an seinem Lieblingsplatz. Foto: H.-G. Evers

Unzählige Auszeichnungen hat der Meisterzüchter schon
bekommen. Foto: H.-G. Evers
AMAZONAS
Alan, zunächst einmal herzlichen Dank, dass ich hier heute in die „heiligen Hallen“ eindringen und Ihnen etwas auf den aquaristischen Zahn fühlen darf.
Alan P. Vaissiere
Ach, das ist doch selbstverständlich. Ich teile gern mein Wissen mit anderen Aquarianern. Und so oft bekomme ich ja nicht Besuch aus Deutschland, schon gar nicht so prominenten.
AMAZONAS
Ach herrje, das macht mich ja ganz verlegen …
Alan P. Vaissiere
Doch, doch, das kann man so sagen. Ihr macht da ein Supermagazin, das im englischsprachigen Raum nicht mal annähernd seinesgleichen hat. Es wird Zeit, dass Ihr endlich auch einmal eine englischsprachige Ausgabe herausbringt!

Die Zuchtbecken für Panzerwelse. In den gelben Schalen werden
die Eier zum Schlupf gebracht. Foto: H.-G. Evers
AMAZONAS
Na, mal sehen, was sich da in Zukunft machen lässt. Aber hier soll es ja um Sie und Ihre Aquaristik gehen. Darf ich da zunächst einmal ein paar persönliche Fakten von Ihnen erfahren?
Alan P. Vaissiere
In meinem Alter, ich bin 73, kann man ganz entspannt solche Fragen beantworten, kein Problem. Geboren bin ich in Liverpool und bin erst später hierher gezogen.
Ich bin geschieden und habe zwei reizende Töchter und noch reizendere Enkelsöhne. Zu meiner Exfrau habe ich nach wie vor ein gutes Verhältnis. Sie kümmert sich um meine Fische, wenn ich im Krankenhaus bin, was leider hin und wieder vorkommt.
AMAZONAS
Und die Aquaristik?
Alan P. Vaissiere
Mein erstes Aquarium mit tropischen Fischen bekam ich 1953. Vorher hatte ich schon verschiedene einheimische Fische, Kaulquappen und Molche gepflegt. Während meiner Armeezeit machte ich eine Pause, doch seit 1958 habe ich ohne Unterbrechungen Fische gepflegt und seit den frühen 1960er Jahren auch gezüchtet. Teilweise besaß ich sehr große Anlagen und belieferte regelmäßig die Zoohändler meiner Umgebung. Heute umfasst die Anlage in meinem Fischzimmer etwa 45 Aquarien, von den kleinen 8-l-Zuchtbecken bis zu den größeren, etwa 120 l fassenden Aufzuchtbecken. Im Wohnzimmer steht ein Schaubecken, da kommen die Veteranen hinein, die nicht mehr richtig produktiv züchten. Die haben schließlich auch einen schönen Lebensabend verdient, haha!

Die Sonne scheint auf die Zuchtbecken. Ein Muss für viele Arten,
so meint der Kenner A. Vaissiere. Foto: H.-G. Evers
AMAZONAS
Und wo lagen da die Schwerpunkte?
Alan P. Vaissiere
Ich habe eigentlich alles schon einmal versucht. Ich vermehrte Labyrinthfische, Cichliden und viele andere. Doch mein Hauptaugenmerk galt immer den Salmlern und Barben. In den letzten Jahren sind auch verstärkt Panzerwelse hinzugekommen. Meine Liebe gilt den kleinen und kleinsten Arten unter ihnen. Hier sehe ich nach wie vor die größten Herausforderungen für mich als Züchter. Ich mag einfach die kleinen Fische.
AMAZONAS
Ich habe hier Ihre Artenliste der von Ihnen gezüchteten Fische, die Sie seit 1998 führen. Ich sehe 186 Arten, das ist beeindruckend. Offenbar haben Sie als Rentner Zeit für so etwas?
Alan P. Vaissiere
(lacht) Ja, seit ich in Rente bin, habe ich mehr zu tun denn je. Ich habe angefangen, mit dem Computer zu arbeiten und Tabellen für jeden Zuchterfolg mit den wichtigsten Parametern zu erstellen. Seit 1998 sind das 186 Arten, doch es waren im Laufe meiner Aquarianertätigkeit etwas mehr, so etwa 250 Arten. Ich zähle allerdings nicht solche Arten hinzu, bei denen nur zufällig einige Jungfische hochkamen, sondern nur solche, die ich auch tatsächlich gezielt und erfolgreich zur Zucht gebracht habe.
Die selbstgebauten Einsätze mit den Laichrosten: ein probates
Mittel zur Rettung wertvollen Laichs. Foto: H.-G. Evers
AMAZONAS
Das ist eine beachtliche Anzahl, alle Achtung! Gibt es darunter solche Arten, die Sie durchs ganze Leben begleitet haben, wenn man so will, Leitarten?
Alan P. Vaissiere
Oh, ja, die gibt es. Der Keilfleckbärbling, Trigonostigma heteromorpha, ist so ein Fisch. Was habe ich mich abgestrampelt, bis ich endlich den Bogen heraus hatte. Als ich in den frühen 1970ern endlich die ersten Gelege hatte, war das wie ein Knoten, der platzte. Heute züchte ich die Art noch immer, mit Kunstpflanzen als Substrat. Ich sage immer: Wenn Du einen Fisch satt hast, nimm Dir eine andere Art vor. So habe ich es immer gehalten. Doch einige habe ich dann vermisst und sie mir nach einiger Zeit neu zugelegt, um bald wieder einige hundert Jungfische zu betreuen. Es gibt für mich nichts schöneres, als den Anblick eines Aufzuchtbeckens mit vielen gut gewachsenen eigenen Nachzuchten. Solche Arten waren der Keilfleckbärbling, der Rotkopfsalmler oder auch Barbus jae, der kleine rote Zwerg aus Afrika. Ich bin momentan etwas wacklig auf den Beinen und habe eine schwere Herzoperation vor mir. Doch würde ich Barbus jae in einem Zooladen sehen, ich würde sie mitnehmen.

Viele Arten laichen gern in dichtem Gestrüpp – hier Laichmopps
aus feinfaseriger Kunstwolle, die sich nach Gebrauch leicht abbrühen
und somit sterilisieren lassen. Foto: H.-G. Evers
AMAZONAS
Dann ist der rote Zwerg der Lieblingsfisch?
Alan P. Vaissiere
Ja, definitiv, ja. Ich habe dazu aber noch genügend Arten auf meiner Wunschliste. Zum Beispiel den hübschen Trigonostigma somphongsi aus der letzten AMAZONAS. Wenn Ihr mir da mal welche besorgen könntet, wäre ich sehr glücklich!
AMAZONAS
(lacht) Ich schau mal, was sich da machen lässt. In England ist die organisierte Aquaristik nicht groß. Sind Sie Mitglied in irgendeinem Verein?
Alan P. Vaissiere
Ich war eigentlich immer irgendwo Mitglied, seit einigen Jahren in der Preston Aquatic Society. In England haben wir Fish Shows, bei denen unsere Nachzuchten oder auch schöne Einzeltiere ausgestellt und danach zum Teil versteigert werden. Nach einem Punktesystem in verschiedenen Kategorien werden die Tiere bewertet und die jeweiligen Sieger erhalten eine Auszeichnung in Bronze, Silber oder Gold. Ich habe schon so viele Auszeichnungen für meine Nachzuchten erhalten, dass der Platz auf den dafür vorgesehenen Tafeln nicht mehr ausreicht. Schon in den 1980er Jahren wurde ich von der British Association of Aquarists als „Masterbreeder“ (Meisterzüchter) ausgezeichnet und auch heute noch erziele ich Preise, so gerade erst neulich für meine Nachzuchten von Barbus hulstaerti.
Wenige Tage alte Nannostomus eques suchen unter den Kunstpflanzen
Schutz. Foto: H.-G. Evers
AMAZONAS
Ach ja, die Schmetterlingsbarbe. Ist da auch bei Ihnen die Geschlechterverteilung so mies?
Alan P. Vaissiere
Leider ja, zu 95 Prozent Männchen. Ich muss da noch mehr mit dem Wasser experimentieren.
AMAZONAS
Das ist ein gutes Stichwort. Wie bekommen Sie Ihr Zuchtwasser?
Alan P. Vaissiere
Ich habe ein sehr gutes Leitungswasser, mit 6–7 °dGH und einem pH-Wert von 7,1. Mehr Werte überprüfe ich nicht. Ich messe nur den pH-Wert und die Härte, keine Leitfähigkeit, kein Nitrit oder Nitrat. Ich wechsele wöchentlich mindestens 40 Prozent des Beckeninhalts, bei stark besetzten Aufzuchtbecken wesentlich häufiger, direkt aus der Leitung. Ich mag kein klares, transparentes Wasser. Ich meine, dass meine Fische sich in einem durch Gerbstoffe angefärbten Wasser am wohlsten fühlen. Erlenzäpfchen und vor allem Torf sind hier ständig im Einsatz.
Nur zum Zuchtansatz von manchen Arten benutze ich die Umkehrosmoseanlage. Ich nehme dann reines Umkehrosmosewasser und setze Torffilter ein, um das Wasser leicht anzusäuern. Der Torf, den ich benutze, bringt das Wasser nur auf maximal pH 6,0 herunter. Das reicht mir für die Keilfleckbärblinge, die Fünfgürtelbarben und andere. Für Nannostomus espei oder Ladigesia roloffi musste ich anfangs weiter runter, auch bei anderen. Dazu benutze ich „pH Down“, ein Präparat, das ich schon seit Jahrzehnten hier im Zoohandel einkaufe. Aber fragen Sie mich bloß nicht, was das nun genau ist, das weiß ich nicht. Zwei bis drei Tropfen auf 10 l Leitungswasser senken den pH-Wert auf 6,0, vier bis fünf Tropfen auf pH 5,0. Früher sammelte ich Regenwasser für die Zuchtansätze, doch ich kann diese Gewichte nicht mehr gut heben. Wenn ich mich noch daran erinnere, wie umständlich ich damals mit Kationen- und Anionenaustauschern herumhantierte, bin ich doch heilfroh über die Umkehrosmose heutzutage.
AMAZONAS
Das sind ja sehr spezielle Angaben. Bei Ihnen gilt also wie auch andernorts der Ausspruch, dass es keine allgemein gültigen Rezepte in der Fischzucht gibt.
Alan P. Vaissiere
Ja und nein. Sicher gibt es bestimmte Rahmenbedingungen, die jeder erfüllen muss, um zum Erfolg zu gelangen. Doch jedes Aquarium ist anders, jede Anlage hat ihre Tücken. Ich habe hier einige Becken, in denen gelingt immer die Zucht, problemlos. Das Becken daneben jedoch ist für manche Arten unbrauchbar, obwohl ich alles wie im anderen mache. Meine Ansatzbecken für die Bärblinge und Salmler erhalten morgens viel Sonnenlicht. Ich schwöre darauf und tatsächlich klappt es in diesen Becken immer gut, während es in den Becken auf der anderen Seite nicht gelingt. Deshalb stehen hier auch meine Aufzuchtbecken.
Bevor ich einen Fisch zur Zucht ansetze, informiere ich mich ausführlich über die Art. Ich studiere die Literatur und das Internet. Leider steht im Internet sehr viel Unsinn, aber das ist ein anderes Thema. Ich schaue mir die Fische genau an und versuche Paare zu erkennen. Dann richte ich das Zuchtbecken her und hoffe, dass es gelingt.
AMAZONAS
Die Ansatzbecken sind mit Laichrosten versehen. Das Prinzip finde ich recht clever.
Alan P. Vaissiere
Danke für die Blumen! Ich habe mir das schon vor vielen Jahren ausgedacht und halte es für die schonendste Maßnahme. Für die Ansatzbecken habe ich kleine, genau passende Aquarien zum Hineinstecken geklebt, deren Boden aus einem Laichrost besteht. Nach dem Laichen hebe ich dieses innere Becken mit Laichrost einfach an und fange die Eltern so ohne viel Unruhe heraus. Meine Züchterfreunde und ich sind immer auf der Suche nach neuen Ideen und Tricks und tauschen uns aus. So habe ich meine Erfolgsrezepte entwickelt und bin ganz zufrieden.
AMAZONAS
Vielleicht noch ein paar Worte zum Futter?
Alan P. Vaissiere
Ein sehr wichtiges Thema. Meine Tiere erhalten oft Lebendfutter, das ich selbst fange. Cyclops und Wasserflöhe, hin und wieder Mückenlarven. Dazu unterhalte ich noch verschiedene Futtertierzuchten, Grindal für die Panzerwelse und zum „Dickmachen“ aller Zuchttiere, Pantoffeltierchen und Artemia-Nauplien für die Jungfische und im Garten Enchyträen. Auch Drosophila (Fruchtfliegen) sind für viele Barben und Salmler ein hervorragendes Futter, das den Laichansatz fördert. Momentan züchte ich auch in einem kleinen Folienteich meine eigenen Wasserflöhe und natürlich steht auch hier die Flockenfutterdose herum.
AMAZONAS
Das klingt nach „alter Schule“. Vieles selber machen und experimentieren. Und sicherlich noch viele Pläne?
Alan P. Vaissiere
Aber ja, für mich ist die Aquaristik das schönste Hobby der Welt. Wenn ich an meine Altersgenossen denke, die vor den Fernsehgeräten verrotten und, gesellschaftlich isoliert, nur noch von Früher reden, bin ich doch viel besser dran. Ich tausche mich aus und freue mich am Leben und an den Fischen. Wie vor 50 Jahren, immer noch mittendrin!
AMAZONAS
Und ich wünsche Ihnen, dass das noch lange der Fall sein wird. Vielen Dank für das Gespräch und die Erlaubnis, einige Ihrer Zuchttabellen zu veröffentlichen. Und alles Gute für die Operation, wir drücken Ihnen die Daumen!
Das Gespräch führte Hans-Georg Evers
Barbus jae
Becken: 30 x 20 x 20 cm
Wasser: pH 6,0, 0 °dGH, 22–23 °C
Ansatz: Boden mit Laichmop vollständig bedeckt; 1 Paar
Ablaichen: täglich, eine Woche lang Freischwimmen: keine genaue Kontrolle möglich; erste frei schwimmende Jungfische am 7. Tag.
Anfütterung: Pantoffeltierchen, ab Tag 3 auch Artemia-Nauplien
Hemigrammus rhodostomus
Becken: 30 x 20 x 20 cm
Wasser: pH 6,5, 1 °dGH, 24–25 °C; starke Torffilterung
Ansatz: Laichrost, darüber Laichmop; 1 Paar
Ablaichen: mm nächsten Morgen, sehr früh; Laichen konnte ich nicht beobachten Schlupf: nach 36 Stunden beendet
Anfütterung: Pantoffeltierchen
Ladigesia roloffi
Becken: 30 x 20 x 20 cm
Wasser: pH 5,5, 0 °dGH, 22–23 °C, Regenwasser, kein Torf
Ansatz: Boden mit Laichmops vollständig bedeckt; 3 Männchen, 2 Weibchen
Ablaichen: am 2. und 3. Tag, danach Eltern herausfangen Schlupf: unbekannt
Freischwimmen: am 6. bzw. 7. Tag nach Ansatz
Anfütterung: Pantoffeltierchen, ab dem 4. Tag Artemia-Nauplien

Foto: H.-G. Evers
Nannostomus espei
Becken: 30 x 20 x 20 cm
Wasser: pH 5,0, 0 °dGH, 24–25 °C, Umkehrosmosewasser über Torffilter
Ansatz: Laichrost und Plastikpflanzen; 1 Paar
Ablaichen: Männchen recht aggressiv und nehmen nicht jeden Partner an. Bei eingespieltem Paar frühmorgens am zweiten Tag nach dem Ansetzen Schlupf: 48 Stunden
Freischwimmen: 6. Tag nach dem Laichen
Anfütterung: Pantoffeltierchen, später Artemia-Nauplien

Foto: I. Seidel
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