AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 12–19
Indo-Schrimps – Garnelen für die Welt
von Hans-Georg Evers
Der Markt hat Hunger, Hunger auf Garnelen.
In Mitteleuropa und Asien, neuerdings auch in Nordamerika und wer weiß wo sonst noch, überall schreit das Volk nach den kleinen Krabblern. Wo kommen die Abertausende von Garnelen her? Sind das alles Wildfänge? Die AMAZONAS-Redaktion hat sich einmal mehr für Sie schlaugemacht.

Foto: H.-G. Evers
Indonesien ist traditionsgemäß seit mittlerweile drei Generationen oder mehr im internationalen Aquarienfischhandel aktiv. Das Hauptkontingent an Fischen, das aus Indonesien in alle Welt exportiert wird, stammt nicht etwa aus den Flüssen und Seen dieses riesigen Inselreichs, sondern wird gezüchtet.
Seit einigen Jahren schon, mit Beginn des Booms der Zwerggarnelen in der Aquaristik, hauptsächlich in Japan, später dann Taiwan und Zentraleuropa, werden dort auch Zwerggarnelen in riesigen Mengen für den Export gezüchtet. Es begann alles mit der knallig roten „Red Fire“ oder, wie sie vor einigen Jahren auch noch genannt wurde, der „Red Cherry“, einer roten Form von Neocaridina heteropoda.

Foto: H.-G. Evers
Sehr schnell hatte man damals in Indonesien mit der massenweisen Vermehrung dieser Garnele begonnen und die anfangs noch höheren Preise durch gegenseitiges Unterbieten schnell nach unten getrieben.
Ich erinnere mich noch gut an die verzagten Äußerungen deutscher Massenproduzenten, die da nicht mithalten konnten. Mittlerweile lohnt es sich auch hierzulande wieder, die kleinen Roten zu züchten, denn die Aufmerksamkeit der indonesischen Großzüchtereien hat sich einträglicheren Objekten zugewendet.

Foto: H.-G. Evers
CRS
„Crystal Red Shrimp“, kurz CRS, ist in aller Munde. Gar nicht mal die daraus herausgemendelten, hochpreisigen „Red Bee Shrimps“, sondern tatsächlich die normale, fast schon „gute, alte Crystal Red“, wird zu Hunderttausenden jeden Monat von Indonesien in alle Welt exportiert. Jeder größere Fischzüchter auf der Insel Java, vornehmlich im kühleren Hochland von Bandung, wo die meisten Züchtereien angesiedelt sind, hat mittlerweile eine oder mehrere Hallen für die Zucht von Caridina sp. „Crystal Red“ eingerichtet.
Ich habe bei meinen Besuchen in Indonesien in den letzten Jahren gut verfolgen können, welch rasante Fortschritte die Züchtereien bei der erwerbsmäßigen Nachzucht der Zwerggarnelen gemacht haben.

Aus der einfachen Crystal Red sind viele Zuchtformen entstanden,
wie diese Red Bee „Hinomaru“. Foto: H.-G. Evers
Bei meinem Freund Jeffrey Christian von CV Maju Aquarium habe ich mich einmal schlau gemacht und ein paar Insiderinformationen bekommen. Vielleicht sind ja auch für die Züchter hierzulande ein paar brauchbare Tipps dabei?
Keine Geheimnisse
Das Hauptproblem bei der Nachzucht der CRS, zumindest wenn man sie in wirklich großer Anzahl vermehren möchte, ist das Gewährleisten einer dauerhaft guten Wasserqualität. Wasser, Strom und Arbeitskraft sind in Indonesien verhältnismäßig billig, die Kosten also viel geringer als beispielsweise für deutsche Züchtereien.
Dennoch muss ein gewisser Aufwand betrieben werden. Maju Aquarium hat seinen Sitz nicht im kühlen Bandung, sondern im Tiefland südlich von Jakarta. Jeder Zuchtraum für die Garnelen, das sind mittlerweile drei, muss mittels einer Klimaanlage auf 23–24 °C Raumtemperatur heruntergekühlt werden. Am produktivsten sind die Garnelen bei Wassertemperaturen, die nicht über 25 °C hinausgehen, besser bis zu zwei Grad darunter.
Das Wasser muss absolut sauber und frei von jeglichen Schadstoffen sein. Bei Maju werden sehr große Aquarien mit 500 l Volumen betrieben. Jeweils vier solcher Becken sind über einen Filterkreislauf miteinander verbunden, so dass das Gesamtvolumen pro Beckenblock mehr als 2500 l beträgt und somit das Wasser gegenüber jedweden Werteschwankungen äußerst stabil ist.

Foto: H.-G. Evers
Das aus einem eigenen Brunnen stammende, in einer riesigen Zisterne abgestandene Frischwasser hat einen pH-Wert von knapp unter 7,0. Jeden Tag werden etwa 20–30 % des Beckeninhalts gewechselt. Der pH-Wert in allen von mir gemessenen Aquarien betrug immer um die pH 6,5, selten einmal etwas höher, aber niemals darunter.
Kräftige Pumpen spülen das gefilterte Wasser aus dem Zentralfilter auf einer Beckenseite in die Aquarien. Dabei reichern sie das Wasser ausreichend mit Sauerstoff an. CO2 wird dadurch ausgetrieben, was den pH-Wert stabilisiert. Das Wasser wird auf der anderen Beckenseite über ein perforiertes und mit Gaze überzogenes Plastikrohr abgesaugt und verschwindet dann in dem unter der Anlage vergrabenen Zentralfilter. Kühles, sauerstoffreiches Wasser mit einem pH-Wert knapp unter der Neutralmarke sind die drei Hauptpfeiler einer erfolgreichen Nachzucht bei der „Crystal Red“. Für andere Garnelen-Arten gelten wieder andere Bedingungen, die dann entsprechend eingestellt werden.
Die frisch eingerichteten und mit einer etwa 5 cm starken Sandschicht versehenen Aquarien bekommen als Dekoration zwei kleine Türme aus aneinander geklebten, mit Javamoos umwickelten Plastikröhren und werden künstlich beleuchtet. In wenigen Wochen ist das Javamoos gewaltig gewachsen und dient den vielen hundert Garnelen als Aufenthalt und Futterplatz.
Jeweils 100 Tiere werden pro Becken als Neubesatz eingebracht. Nach etwa zwei bis drei Monaten Einlaufzeit beginnt die „Ernte“ und die halbwüchsigen CRS können für den Verkauf abgesammelt werden. Jedes Aquarium hat eine Standzeit von maximal einem Jahr, meist etwas kürzer, bevor es grundgereinigt und neu besetzt wird. Gefüttert wird interessanterweise mit gefrosteten roten Mückenlarven und Spinat, beides überaus billige Futtermittel in Indonesien.
Maju züchtet hauptsächlich CRS, aber auch die ersten Aquarien mit „Red Bee“-Formen, vornehmlich „Tiger Tooth“ und die etwas teureren Hinomaru-Varianten, wurden eingerichtet. Ein japanischer Kunde von Maju hat unlängst einige hundert Tiere von wertvollen Zuchtformen geschickt, damit diese Formen in großer Menge exklusiv für ihn produziert werden. Dazu kommen Blaue Tigergarnelen. Das Ausgangsmaterial für diese Zuchtlinie stammt übrigens aus Deutschland. Auch mit Schwarzen Tigergarnelen soll ein Projekt anlaufen.
Mengenlehre
Auch in Japan schafft man es mittlerweile nicht mehr, die ständig steigende Nachfrage nach den kleinen rotweißen Garnelen zu befriedigen. Indonesische Züchter decken schon einen Großteil des Bedarfs. Aber auch in China hat man den Marktwert erkannt und groß angelegte Zuchtprojekte in Planung. Bei Maju arbeiten momentan zehn Mitarbeiter ausschließlich in der Garnelenzucht. Das sind bislang 300 Aquarien, aus denen monatlich etwa 30000 Garnelen für den Verkauf abgezogen werden. Maju kauft aber auch von anderen Züchtern zu und kommt so auf etwa 100000 CRS, die Monat für Monat verschickt werden.
Bei einer der Züchtereien in Bandung sah ich auch andere Wasserpflanzen, vornehmlich Cryptocoryne-Arten, die in einem Sand-Kiesgemisch wurzelten. Nach Aussage des Züchters sind diese Zuchtbecken ähnlich produktiv wie seine Javamoosbecken und erbringen etwa 300–400 Garnelen pro Aquarium und Monat.
Eine der wohl eintönigsten Arbeiten ist das Fangen und Sortieren der CRS für den Versand. Ich stelle mir das als gute Strafe für freche Rotzbengel hierzulande vor („Sei jetzt artig, sonst schick ich Dich in die Garnelenernte!“). Stundenlang, Tag für Tag sitzen die Arbeiter mit einem großen Netz und einem Joghurtbecher in den Händen in gebückter Haltung vor den Aquarien und sortieren Zwerggarnelen.
Wenn Sie also das nächste Mal ein paar CRS erwerben, könnte es durchaus sein, dass diese irgendwo in Indonesien aus dem Ei gekrabbelt sind. Weit gereiste kleine Kerle, nicht wahr? Da sage noch einer, es sei verrückt, in Büsum gefangene Nordseekrabben nach Marokko zum Pulen zu schicken und nachher zurück, um sie in Mayonnaise zu baden.
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