AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 30–36
Scharz und Rot – Auslesezucht bei zwei Garnelen
von Kurt Mack
Zwerggarnelen sind recht variabel in ihrer Färbung, so dass sich aus den Naturformen oft besondere Farbformen herauszüchten lassen. Natürlich sind kräftige Farben besonders beliebt. Daher ist es kein Wunder, dass die Schwarze Tigergarnele und die Rote Tüpfelgarnele ein großes Interesse hervorrufen.
Schwarze Tigergarnelen
Die Schwarze Tigergarnele gilt im Allgemeinen als eine der schwieriger zu vermehrenden Zuchtformen. Etliche Garnelenhalter konnten ihre Bestände auf Dauer nicht erhalten. Auch mir ist es beinahe so ergangen.
Im Jahr 2005 hatte ich 15 Schwarze Tigergarnelen verschiedener Ausfärbungen von Kai Quante erworben. Nach vorsichtiger Eingewöhnung fühlten sich die Schwarzen Tigergarnelen sichtbar wohl und ich konnte die Männchen regelmäßig beim Paarungsschwimmen beobachten. Manche Weibchen trugen auch Eier, aber zu meiner Enttäuschung warfen einige von ihnen sie oft ohne einen mir ersichtlichen Grund ab. Auch von den geschlüpften Junggarnelen verschwanden viele.
Ein Wechsel zu weicherem Wasser und Versuche mit verschiedenen Futtersorten brachten keine dauerhafte Besserung. Ich hoffte, dass die erste Nachkommengeneration, wie es häufig bei Aquarienfischen der Fall ist, mit den angebotenen Bedingungen besser zurechtkäme. Leider war das nicht der Fall. Nach guten Phasen mit relativ vielen Nachkommen gab es immer wieder für mich unerklärliche Verluste, so dass von über 100 Nachzuchten zum Schluss nur ein geschlechtreifes Männchen und zwei Weibchen übrig blieben. Diese „verbannte“ ich frustriert in ein kleines ungefiltertes Becken bei 15 °C auf einer Fensterbank in der Garage. Außer Schmieralgen und toten Insekten gab es nichts für die Garnelen zu fressen. Gelegentlich füllte ich Wasser auf und wunderte mich darüber, wie robust die Schwarze Tigergarnele doch sein konnte.
Mittlerweile war ich überzeugt, dass nicht unpassende Pflegebedingungen, sondern eine zu enge Verwandtschaft unter den Schwarzen Tigergarnelen für die schlechten Nachzuchtergebnisse verantwortlich war. Bei einer einfachen rezessiven Vererbung, wie dem Merkmal „größerer Schwarzanteil“, reichte das Rückkreuzen mit der Urform aus, um innerhalb von zwei Generationen wieder Schwarze Tigergarnelen zu bekommen, die dann bei günstiger Verpaarung nicht mehr eng miteinander verwandt sein sollten.
Dazu besorgte ich mir 50 Tigergarnelen der passenden Ausgangsform aus zwei verschiedenen Quellen, sortierte die Weibchen mit Nackenfleck aus und setzte sie zehn Tage lang in ein Einhängebecken, um sicher zu sein, dass sie nicht schon von einem normalen Tigermännchen befruchtet worden waren.
Das Umsetzen der Schwarzen Tigergarnelen aus der Garage in ein frisches Aquarium überlebte nur das Männchen. Die Weibchen starben in kurzem Abstand nach einer Häutung. Trotz dieser schlechten Vorraussetzungen schaffte es das „Großväterchen“, noch acht normale Tigergarnelenweibchen zu befruchten, bevor es dann starb. Die acht Weibchen trugen etwa 150 normal gefärbte, spalterbige Tigergarnelen aus, die dann meine Basis zur Weiterzucht bildeten.
Um den Genpool weiter zu mischen, ließ ich die spalterbigen Tigergarnelen sich frei verpaaren. Trotz anfänglicher Bedenken, weil alle den gleichen Vater hatten, wuchsen und vermehrten sich die spalterbigen Tigergarnelen problemlos. Unter den ersten Junggarnelen konnte ich zu meiner Freude 10 bis 15 % schwarze Tigergarnelen finden und in Einhängebecken weiter großziehen.
Die verschiedenen Ausfärbungen verteilten sich in etwa so wie bei den Ausgangstieren von Kai Quante:
- 10 % mit weniger als 50 % Schwarzanteil,
- 60 % mit 50–80 % Schwarzanteil,
- 20 % mit 80–100 % Schwarzanteil,
- 10 % flächigschwarz mit blauem Schimmer und hellen Augen.
Mit den ersten 50 schön gefärbten Nachzuchten richtete ich eine eigene Zuchtgruppe in einem 160-l-Aquarium ein. Die Tiere wuchsen ohne größere Ausfälle weiter und zeugten später auch fleißig Nachkommen. Im März 2007 hatte ich einen Bestand von ungefähr 200 geschlechtsreifen Schwarzen Tigergarnelen und wollte anfangen, die Gruppe auf das Merkmal „Flächigschwarz“ hin zu selektieren. Die Empfindlichkeit der Ausgangstiere, die geringe Anzahl der Garnelen mit weniger als 50 % Schwarzanteil und vor allem die Häufigkeit der mir sehr gut gefallenden „Leoparden“ mit 50 bis 80 % Schwarzanteil bei den Nachzuchten ließen mich jedoch von diesem Vorhaben abkommen.
Heute, im August 2008, bereue ich diese Entscheidung nicht. Die Schwarzen Tigergarnelen sind weiterhin vermehrungsfreudig und der Anteil der verschiedenen Ausfärbungen hat sich nur etwas zum Flächigschwarz hin verschoben, weil ich die extrem auffälligen flächigschwarzen Tigergarnelen-Männchen mit hellen Augen als „Zuchtbullen“ bevorzuge, also eher zurückhalte als die anderen Männchen.
Die ehemals spalterbige Gruppe pflege ich weiterhin und verteile die Schwarzen Tigergarnelen, die unter den Nachzuchten der Gruppe immer noch dabei sind, unter meinen drei Zuchtgruppen. So erweitere ich den Genpool stetig und hoffe, dass der Stamm weiterhin so robust und pflegeleicht bleibt. An weiteren Zuchtzielen werde ich vielleicht versuchen, Reinstämme der flächigschwarzen Tigergarnelen mit den hellen Augen und der mir so gut gefallenden Leoparden aufzubauen, ohne aber die Vermehrungsfreudigkeit und Robustheit des heutigen Stamms zu verlieren. Doch das kostet Zeit und Platz, die ich im Moment nicht habe.
Rote Tüpfelgarnelen
1998 habe ich meine erste Zwerggarnelen-Art, die Tüpfelgarnele, von Uta Hanel bekommen. Zum Glück (aus heutiger Sicht) habe ich gleich mit 50 Stück angefangen. Die Garnelen vermehrten sich von Anfang an gut und verziehen auch manchen meiner Pflegefehler. Nach etwa zwei Jahren hatte ich trotz regelmäßiger Verkäufe und einiger Ausfälle durch Pflegefehler einen Bestand von ungefähr 1000 Tüpfelgarnelen zusammen. Unter diesen befanden sich einige rötliche und bläuliche Tüpfelgarnelen.
Die 40 Tüpfelgarnelen mit dem schönsten Rot kamen in ein eigenes Becken, wo sie sich auch gut vermehrten. Zu meinem Bedauern war der Anteil an Roten Tüpfelgarnelen unter den Nachzuchten wesentlich geringer als erhofft. Gerade mal 30–35 % zeigten die rote Färbung. Sie ist eine (von mir so genannte) Wohlfühlfarbe, deren Intensität durch bestimmte Faktoren schwankt, die mir nur teilweise bekannt sind.
Sicher ist, dass frisch gehäutete rote Tüpfelgarnelen milchig beige sind und innerhalb einiger Tage ihre rote Farbe wieder bekommen. Versuche mit verschiedenen Wasserwerten brachten keine sicheren und dauerhaften Verbesserungen der Farbintensität und Färbungsdauer.
In bepflanzten und gut beleuchteten Aquarien wird die Färbung der Roten Tüpfelgarnelen intensiver, in kahlen unbeleuchteten Becken verliert sie sich fast. Deshalb vermute ich, dass die Intensität der Färbung mit der Aufnahme von Schmier- und Fadenalgen zusammenhängt. Auch führte das Verfüttern von Fadenalgen aus der Natur zu einer intensiveren Ausfärbung.
Leider schleppt man sich mit Fadenalgen schnell Planarien, Hydra oder andere Schädlinge ein. Vielleicht werde ich deshalb in der nächsten Saison Fadenalgen gezielt im Freiland vermehren. In alten Aquarien mit etwas Flüssigdünger und regelmäßigem Wasserwechsel mit Altwasser aus den Garnelenbecken sollte ein ordentliches Fadenalgen-Wachstum kein Problem sein.
Bei der Verpaarung der ersten Nachzuchten und anhand der Anzahl roter Junggarnelen konnte ich keine mir bekannte Vererbungstheorie erkennen. Deshalb sortierte ich alle normalen und auch hellroten Tüpfelgarnelen unter den Nachzuchten aus und setzte sie für ein paar Wochen in Einhängebecken, um eventuell sich gerade gehäutete Rote Tüpfelgarnelen, die im Moment des Fangs keine Farbe zeigten, wieder zurücksetzen zu können.
Nach drei Jahren lückenloser Entnahme von normalen und schlecht gefärbten Roten Tüpfelgarnelen vor der Geschlechtsreife wuchsen nur noch rote Nachkommen auf. In den folgenden Jahren konnte ich weniger als 10 normale Tüpfelgarnelen unter etwa 1500 Nachzuchten entdecken.
Aus diesem Grund bezeichne ich den Stamm als reinerbig. Eine weitere Selektion mit den intensiv rot leuchteten „Neonröhrchen“ brachte keine Verbesserung der Farbintensivität des Stamms.
Leider ist der Stamm mit der Zeit etwas problematischer geworden und die Tiere vermehren sich nicht mehr so einfach wie am Anfang. Das ist sehr wahrscheinlich mein Fehler, da ich durch größere Verkäufe mehrmals den Bestand unter 50 Stück sinken ließ und so den Genpool auf Dauer schmälerte. Im Moment hat sich die Gruppe aber wieder gefangen und ich werde versuchen, den Bestand in Zukunft nicht unter 200 Stück sinken zu lassen.
Ein Rückkreuzen mit der Urform möchte ich wegen der langen Selektionsphase vermeiden. Auch haben Testkreuzungen gezeigt, dass ein Einkreuzen von stammfremden Roten Tüpfelgarnelen die Reinerbigkeit meines Stamms zerstört. Als letzte Möglichkeit habe ich aber eine Restpopulation normaler Tüpfelgarnelen behalten, um doch eines Tages eine Rückkreuzung durchführen oder einfach nur die Stämme vermischen zu können.
Ich hoffe, dass ich meine Erfahrungen verständlich und die Begründungen meiner Handlungen nachvollziehbar berichtet habe. Falls noch Fragen offen sind, können diese gerne in den Foren www.garnelenforum.de oder www.crustawelt.de gestellt werden. Dort schaue ich mehrmals pro Woche hinein. Da ich nicht immer die Zeit habe ausführlich zu antworten, bitte ich um etwas Geduld. Fragen per E-Mail sind weniger günstig, da ich unter Umständen die gleichen oder ähnlichen Fragen mehrmals beantworten müsste.
Tipps zum Erweitern des Genpools
- Weibchengruppen sollte man nacheinander von verschiedenen, nicht miteinander verwandten Männchen befruchten
- lassen und die Würfe getrennt aufziehen. Eine gezielte Verpaarung der getrennt aufgezogenen Garnelen erweitert den Genpool und macht den Stamm pflegeleichter und robuster.
- Ohne sich die Arbeit mit dem getrennten Aufziehen zu machen, kann man es über einen Zeitraum von einigen Monaten versuchen, so viele wie möglich der geschlechtsreifen Männchen eines Bestands gegen einige Männchen auszutauschen, die nicht mit dem Stamm verwandt sind.
- Man sollte zwei Stämme aufbauen und alle zwei Generationen wieder die getrennten Geschlechter in einem neuen Stamm verpaaren.
- Um aus gezielten Verpaarungen Junggarnelen aufziehen zu können, werde ich mir einen Einhängekasten bauen (lassen). Ich denke an vier Abteilungen von 20 cm Länge, 15 cm Breite und 20 cm Tiefe. Der Boden sollte zur Hälfte aus Glas und aus Gaze mit 2-mm-Maschen bestehen. So kann auf der Glasseite gefüttert werden und Junggarnelen können die Abteile durch die Gaze verlassen und ungestört in dem großen Becken aufwachsen. In jedem Abteil ist Platz für vier bis sechs Weibchen und ein Männchen. Die Männchen sollten nach vier bis sechs Wochen gegen neue Männchen ausgetauscht werden oder zu einer anderen Weibchengruppe gesetzt werden. Das Ganze hat den Vorteil, dass man sicher sein kann, eine größere Anzahl von Junggarnelen zu bekommen, die kaum direkt miteinander verwandt sind.
Tipps zum Aufbau eines stabilen Stamms
- Mindestens 30, besser 50 Stück einer Art ansetzen, um eine zu enge Verwandtschaft unter den Nachzuchten auszuschließen. Bei weniger Ausgangstieren ist der Aufbau eines über Jahre funktionierenden Stamms eine reine Glückssache oder bedarf genauer Verpaarungen kaum verwandter Garnelen über einen längeren Zeitraum. Die Hauptschwierigkeit ist
- meiner Meinung nach, dass man die meisten Garnelen nicht wiedererkennt und eine Einzelhaltung vor und nach der gezielten Verpaarung sehr aufwändig ist.
- Falls möglich, sollte man Wildfangtiere oder Zuchtformen aus mehreren nicht miteinander verwandten Stämmen kaufen.
- Man sollte die Garnelen von Anfang an nicht mit aufbereitetem Wasser oder besonderen Pflegemitteln verwöhnen. Einfache, günstige und jederzeit verfügbare „Hausmannkost“, also gutes Leitungswasser und bewährte Futterprodukte, sollten ausreichen. Gerade bei plötzlich auftretenden Todesfällen hat ein großer Wasserwechsel schon manchen Stamm gerettet. Schlecht ist es, wenn das passende Wasser dann erst noch zubereitet werden muss. Außerdem habe ich kein Vertrauen in Wasser, in dem sich die natürlichen Wasserwerte zu sehr verschoben haben.
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