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AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 37–42

Die blaue Tigergarnele

von Roland Blankenhaus

Tigergarnelen, Caridina cf. cantonensis „Tiger“, sind schon von Natur aus sehr variabel in ihrer Färbung. Daher können durch Selektion die Zeichnungsmuster oder Farben verstärkt und sogar verändert werden. Einige Stämme sind eher schwarz gefärbt, wie beispielsweise die beliebten Schwarzen Tigergarnelen (siehe auch den Artikel auf S. 30).

Es gibt aber unabhängig von ihnen auch noch Blaue Tigergarnelen.


Eine „Deep Blue“ mit Tigerzeichnung.   Foto: R. Blankenhaus

Die Blaue Tigergarnele ist wie die Schwarze eine Mutation. Vorher gab es bereits Tigergarnelen mit orangefarbenen Augen, die sogenannten „Orange Eye“ oder „Golden Eye“. Mittlerweile werden auch sehr kräftig gefärbte dunkelblaue Tigergarnelen unter der Bezeichnung „Deep blue“ angeboten. Sie sind so dunkel gefärbt, dass sie bereits schwarz wirken. Dieser Eindruck entsteht wohl auch dadurch, dass sich über dem Dunkelblau wie ein dünner Mantel eine bräunliche Färbung befindet.

Bei der Vermehrung meiner Tigergarnelen habe ich sehr schnell bemerkt, dass auch helläugige Tiere unter den Nachkommen waren, die teilweise das Zeichnungsmuster der Tigergarnelen aufwiesen, aber auch schon blau getönt waren. Später waren dann auch richtige blaue Tiere unter ihnen, so dass von der normalen Tigergarnele bis zur „Deep blue“ alle Farbvarianten aufgetreten sind. Unter den Nachzuchten meines Stamms befanden sich aber keine schwarzen Tigergarnelen.

Ich habe bisher keine Unterschiede bei der Vermehrung der Varianten normale Tigergarnele, „Orange Eye“, Blaue Tigergarnele oder „Deep blue“ feststellen können. Selbst die Anzahl der Eier und Nachkommen ist identisch. Eine wichtige Voraussetzung für einen guten Zuchterfolg ist jedoch eine ausreichende Anzahl geeigneter Tiere. Die zur Zucht angesetzten Garnelen sollten in Farbe, Zeichnung, Größe und allgemeinem Aussehen dem gewünschten Ziel entsprechen. Wenn nur wenige Ausgangstiere zur Verfügung stehen, werden die Garnelen erst einmal vermehrt, um aus den Nachkommen die schönsten Wirbellosen für die weiteren Zuchten auszuwählen.

Gut bepflanzte Zuchtaquarien
Die Zuchtaquarien können so wie die Pflegeaquarien eingerichtet werden. Man kann natürlich auch im Pflegeaquarium züchten, wenn sich darin keine Tiere befinden, die Appetit auf Baby-Garnelen bekommen könnten. Man benötigt mindestens ein 12-l-Aquarium, besser ein noch größeres, das mit Bodengrund versehen ist.

Die Färbung des Bodengrunds kann je nach Art und Färbung der Garnelen unterschiedlich gewählt werden. Die meisten Krebstiere mögen nämlich keinen glatten Boden.


Eins meiner Zuchtaquarien für Blaue Tigergarnelen mit etwa 80 l Inhalt.   Foto: R. Blankenhaus

Blick in ein Zuchtbecken. Ich biete den Garnelen viele Versteckmöglichkeiten und feine Pflanzen wie Javamoos.   Foto: R. Blankenhaus

Auf dunklem Sand oder Kies sind dunkle Tiere schlecht zu sehen. Zu heller Bodengrund kann aber zu Verhaltensstörungen führen, weil Garnelen sich in der hellen Umgebung unwohl fühlen. Ein mittelgrauer oder mittelbrauner Bodengrund ist für viele Arten geeignet. Die Beleuchtung sollte nicht zu hell gewählt werden, aber wiederum hell genug, dass wir die Garnelen auch noch gut sehen können.

Als Zuchtwasser für Tigergarnelen benutze ich mein Leitungswasser, das die folgenden Werte aufweist: ungefähr 9 °KH, 17 °dGH und pH 7,5–8. Die Temperatur stelle ich auf 22–24 °C ein. Für Caridina cf. cantonensis liegt die ideale Zuchttemperatur bei 23 °C, wobei eine leichte Abweichung sicher keine Rolle spielt. Die Höchsttemperatur, die diese Art unbeschadet übersteht, liegt bei 27 °C. Sicher können Tigergarnelen über kurze Zeit auch höhere Temperaturen vertragen, aber ideal ist das nicht.

Zur weiteren Einrichtung verwende ich Moorkienwurzeln, einige Wasserpflanzen und auf jeden Fall Moose. Als Schwimmpflanze ist Teichlebermoos (Riccia) gut geeignet. In Javamoos und Riccia finden die kleinen Garnelen viel Fressbares. Als Filter benutze ich meistens den Hamburger Mattenfilter oder ab und zu einen luftbetriebenen Schwamm-Innenfilter. Auf keinen Fall sollte der Filter motorbetrieben sein, da die jungen Garnelen in der kleinsten Spalte nach Fressbarem suchen. Befindet sich zwischen dem Ansaugrohr und einem zum Schutz aufgesteckten Schwamm solch ein Spalt, ist es um die Kleinen geschehen, weil der Sog sie nicht mehr loslässt.

Abwechslungsreiche Fütterung
Meine Zuchtaquarien haben ein Volumen von 30 bis 130 l. In ein 130-l-Aquarium setze ich nach Möglichkeit gleich 50 Garnelen auf einmal. Ich glaube, dass die Zucht mit vielen Tieren besser in Gang kommt. Wenn die Garnelen sich eingelebt haben und wohlfühlen, kann eine Vermehrung kaum verhindert werden. Dazu müssen allerdings einige Voraussetzungen stimmen. So müssen die Tigergarnelen ihnen zusagende Wasserwerte vorfinden. Das Wasser sollte also nicht zu weich sein und die Wassertemperatur etwa 23 °C betragen. Das Aquarium sollte gut bepflanzt sein, auch mit vielen feinfiedrigen Pflanzen. Moorkienwurzeln, Verstecke und Buchenlaub oder Ähnliches dürfen auch nicht fehlen.


„Deep Blue“, normal blaue Tigergarnelen und „Orange Eye“ bei der Fütterung mit Mangold.   Foto: R. Blankenhaus


Eine sogenannte „Orange Eye“ mit starkem Blauanteil.  Foto: R. Blankenhaus

Das Zuchtaquarium sollte eingefahren sein und der Filter muss funktionieren. Dazu reicht es nicht, ein Zuchtaquarium einzurichten und drei Wochen lang zu betreiben. Damit sich im Filter Bakterien ansiedeln können, müssen sie „gefüttert“ werden. Am besten setzt man dazu nur wenige Fische oder Garnelen ein und füttert sie. Am Anfang gibt es nur wenig Futter, im Lauf der Zeit immer mehr. Wasserwechsel werden zweimal pro Woche durchgeführt. Erst wenn kein Nitrit mehr nachweisbar ist, können die zur Zucht bestimmten Garnelen eingesetzt werden. Dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen, denn durch nicht funktionierende Filter sind schon viele Garnelen in den Garnelenhimmel gekommen.

Die ersten Tage werden die Zuchttiere nur wenig, aber abwechselungsreich gefüttert. Um die richtige Menge zu finden, benutze ich Futtertröge (etwa Aschenbecher, siehe auch Amazonas 17, S. 10). So kann ich sehr gut überschüssiges Futter entfernen. Ich biete den Blauen Tigergarnelen Folgendes an:

  • frisch geschlüpfte Salinenkrebse,
  • einen Mix aus 1/3 Kaninchen- und 2/3 Chinchilla-Pellets,
  • handelsübliches Garnelenfutter,
  • gefrorene Cyclops,
  • gefrorene rote Mückenlarven,
  • Mikrowürmchen,
  • Mangold, Brennnesseln, Löwenzahn und
  • einen selbst hergestellten Futterbrei mit Erbsen, Spirulina, Bachflohkrebsen und Blütenpollen.

Meine Garnelen werden meistens zweimal am Tag gefüttert, weil sehr häufig Jungtiere mit im Aquarium sind. Wenn die Garnelen zu wenig Futter bekommen, stellen sie nämlich die Vermehrung ein und fressen ihre Artgenossen. Dabei kommt es vor, dass die Garnele, die sich zuerst häutet, verloren hat. Da sich die kleinen Garnelen fast täglich häuten, sind sie auch oft die Opfer.

Da ich auch noch einige Fische züchte, stehen mir täglich frischgeschlüpfte Salinenkrebse zur Verfügung. Die gebe ich auch den Garnelen und von Zeit zu Zeit wird auch Cyclop-Eeze untergemischt. Wenn dieses Futter in die Aquarien kommt, werden die Garnelen sofort unruhig und suchen es. Ähnliches kann ich bei der Verfütterung von Mikrowürmchen beobachten.

Mit diesem Futter bin ich aber sehr sparsam, da es sehr fett ist, wie alle Wurmfutter.

Paarung nach der Häutung
Wenn sich die Garnelen wohlfühlen, werden die Weibchen in ihren Eierstöcken (im Nackenbereich) Laich ansetzen. Etwa vier Wochen später häuten sie sich. Die Weibchen geben dabei Pheromone (Sexuallockstoffe) ins Wasser ab und es kommt zum „Paarungsschwimmen“. Am Ende wird ein Männchen ein Samenpaket in der Nähe der weiblichen Geschlechtsöffnung anheften. Meist schon in den nächsten 24 Stunden treten die Eier aus, werden befruchtet und an die Schwimmbeine geklebt. Nach etwa vier Wochen schlüpfen dann die kleinen Garnelen. Zu diesem Zeitpunkt ziehen sich die Weibchen oft in dichtere Pflanzenbestände zurück.


Normal gefärbte Tigergarnele, Caridina cf. cantonensis.  Foto: R. Blankenhaus

Ebenfalls begehrt sind die Roten Tigergarnelen, eine hierzulande erst wenig verbreitete Zuchtform.   Foto: R. Blankenhaus


Eine Blaue Tigergarnele während der Häutung.   Foto: H.-G. Evers

Die jungen Garnelen müssen nicht gezielt gefüttert werden, da sie in einem gut funktionierenden Aquarium Infusorien, Algen und Futterreste in ausreichender Menge finden. In den ersten Lebenstagen halten sie sich sehr gut versteckt vor allem im Teichleber- oder Javamoos auf. Ab und zu können wir jetzt ein Garnelen-Baby entdecken. In ihren ersten Lebenstagen findet fast täglich eine Häutung statt. Erst nach gut zwei Wochen sehen wir die Jungen häufiger, wenn sie rastlos unterwegs sind, um nach Nahrung zu suchen. Nach zwei bis drei Wochen kann man sie am Futter der erwachsenen Garnelen entdecken.

Die blaue Farbe tritt bei einigen Exemplaren sofort auf, kann jedoch auch erst bei Tieren von 1 cm Länge erscheinen. Nicht alle Exemplare färben sich blau, doch in guten Stämmen sind es über 90 % des Nachwuchses.

Wenn die Garnelen halbwüchsig sind, kann man sie abgeben oder in ein Aufzuchtaquarium umsetzen. Die Wasserwerte der beiden Aquarien müssen beim Umsetzen identisch sein. Wenn das nicht der Fall ist, muss man die Garnelen an das neue Wasser anpassen, indem man es langsam zutropfen lässt.

Nach etwa drei Monaten sind die kleinen Tigergarnelen geschlechtsreif und weisen eine Länge von etwa 2 cm auf. Ein Weibchen kann mehrere Male unmittelbar hintereinander Laich ansetzen, doch wird es aber auch irgendwann eine Pause einlegen. Oftmals reifen in den Eierstöcken schon wieder Eier heran, obwohl noch welche an den Schwimmbeinen getragen werden.

Ich hoffe, dass auch Sie einmal Tigergarnelen züchten oder pflegen werden. Dann sollten Sie sich vor dem Aquarium eine Position suchen, in der sie die Garnelen aus unmittelbarer Nähe in aller Ruhe beobachten können. Sie werden sehen, wie beweglich und putzig diese kleinen Kobolde sich verhalten. Bei diesen Beobachtungen habe ich die Garnelen und Zwergkrebse in mein Herz geschlossen. 

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