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AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 50–53

Cairnsichthys rhombosomoides  – eine graue Maus unter den Regenbogenfischen?

von Hans-Herbert Boeck

Seit 45 Jahren bin ich Aquarianer, und davon beschäftige mich jetzt schon seit 25 Jahren mit Regenbogenfischen und Blauaugen. In dieser Zeit habe ich eigentlich fast alle Arten der Gattungen Chilatherina, Glossolepis, Melanotaenia, Iriatherina und Rhadinocentrus gehalten und gezüchtet.

Nun fehlte mir nur noch der Regenbogenfisch mit dem unaussprechlichen Namen Cairnsichthys rhombosomoides in meiner Sammlung.

Entdeckt wurde Cairnsichthys rhombosomoides im Jahr 1921 von dem Amerikaner H. C. Raven in einem Zufluss zur Babinda Creek Drainage in der Nähe der Stadt Babinda unterhalb von Cairns. Das Verbreitungsgebiet der Art liegt zwischen Cairns und Innisfail, wo sie in kleinen Bächen vorkommt, die in der Berg-kette Bellenden Ker Range entspringen. Diese Bäche fließen zum Teil schnell, besitzen keine großen Pflanzenbestände, und ihr Bodengrund besteht aus Geröll und Steinen. In diesen Biotopen kommen die Fische recht häufig vor und so wird es hoffentlich auch bleiben, da einige davon im Bellenden Ker National Park liegen.


Meine Cairnsichthys halte ich zusammen mit Pseudomugil signifer, eine Gemeinschaft, die auch in der Natur vorkommt und im Aquarium gut funktioniert.   Foto: H.-H: Boeck

Der heute bekannteste Fundort von Cairnsichthys rhombosomoides ist der Harvey Creek. Hier teilt sich die Art ihren Lebensraum mit Melanotaenia splendida splendida, M. maccullochi und Pseudomugil signifer.

Mit der Gattung Rhadinocentrus ist die monotypische Gattung Cairnsichthys recht nah verwandt.

Sauberes Wasser
Die Wasserwerte der Lebensräume ähneln sich alle, mit einem pH-Wert von 7,2–7,6, 10 °dGH und einer Temperatur zwischen 18 und 25 °C. Diese Werte liegen etwa in dem Bereich meines Leitungswassers, das damit ideal zur Haltung und Zucht von Cairnsichthys rhombosomoides ist. Was man diesem Regenbogenfisch anbieten muss, ist klares, sauberes Wasser.

Ein wöchentlicher Wasserwechsel ist also ein Muss. Ich führe ihn alle 7–14 Tage und zwar zu 50 % durch. Dass das den Fischen gut bekommt, merkt man an ihrer Vitalität. Sie sind elegante Schwimmer, die größere, lang gestreckte Aquarien bevorzugen. Höhe und Tiefe sollten jeweils etwa 40 cm betragen und die Länge zwischen 1 und 1,5 m. Dann kommt auch die elegante Körperform der guten Schwimmer am besten zur Geltung.

Die Größe der männlichen Tiere liegt bei 8–10 cm, und die Weibchen bleiben etwa 2 cm kleiner. Die Körpergestalt ist mäßig hochrückig. Die Normalfärbung ist lehmfarben, und in der Körpermitte verläuft von den Kiemen bis zur Schwanzwurzel ein schwarzer Strich.

Der Vorderbereich des Unterkörpers ist silbrig grau und die Flossen der Männchen sind leicht gelb gefärbt. Sehr auffällig ist, dass der Kiemendeckel bei adulten Männchen wie mit Gold überzogen zu sein scheint und dass der äußere Ring des Auges die gleiche Farbe hat. Die Iris ist tiefschwarz und groß.


Gähnendes Weibchen von Cairnsichthys rhombosomoides.  
Foto: H.-H: Boeck

Die meisten Autoren von Artikeln und Büchern über Regenbogenfische stellen fest, dass Cairnsichthys rhombosomoides nicht gerade farbenprächtig ist, aber ich denke, dass sie den Fisch wahrscheinlich nie lebend gesehen haben. Früh morgens, nachdem das Licht im Aquarium angegangen ist, erkennt man die Tiere nicht wieder. Da sie sich vor allem am Morgen fortpflanzen, verändert sich die Färbung der Männchen und sie präsentieren einen rehbraunen Körper mit strahlend gelben Flossen.

Nur Weibchen?
Cairnsichthys rhombosomoides sah ich zum ersten Mal bei einem Besuch bei dem Regenbogenkenner und -züchter Gilbert Maebe in Mechelen (Belgien). Obwohl ich die weite Fahrt wegen anderer Regenbogenfische gemacht hatte, erblickte ich in einem von Gilberts Aquarien einen mir unbekannten schlanken Fisch und er klärte mich auf, dass das seine letzten Cairnsichthys rhombosomoides seien. Wie immer konnte ich nicht widerstehen und nahm acht größere Nachzuchttiere mit.

Die Nacht verbrachten wir bei einem Freund in Holland und fuhren früh am Morgen in Richtung Freienwill hoch in den Norden Deutschlands. Leider gilt Cairnsichthys rhombosomoides laut Literatur als extrem empfindlich gegen den Transportstress. Die acht Tiere kamen trotzdem gut in Freienwill an und bezogen ein 100-l-Quarantänebecken. Beim nächsten morgendlichen Kontrollgang bemerkte ich, dass nur noch sechs Cairnsichthys rhombosomoides im Aquarium schwammen – zwei mussten das kleine Loch für Heizerkabel und Luftschlauch zur Flucht benutzt haben. Die Leichen fand ich erst beim Umbau der Aquarienanlage Ende 2005 hinter dem Aquarium.

Nach einer Quarantänezeit von etwa drei Wochen wurden die restlichen sechs Tiere in ein 450-l-Aquarium gesetzt und wuchsen auf eine Größe von 7 cm heran. Auch bei genauestem Hinsehen konnte ich keine Geschlechtsunterschiede entdecken. Farblich waren die Tiere eindeutig in die Kategorie „Graue Maus“ einzuordnen. Natürlich wollte ich sie trotzdem zur Zucht ansetzen. Mit einer Beckengröße von 100 l, zwei Laichmopps und drei Anubias war das Zuchtaquarium schnell vorbereitet. Nun sollten die Tiere acht Tage lang ihr Geschlechtsleben führen und nach Herausnahme der Zuchttiere sollten dann bald die ersten Jungfische an der Wasseroberfläche schwimmen.

Nichts geschah, auch nach dreimaligem Versuch. Hatte ich nur Weibchen? Bei jedem einzelnen Zuchtversuch hatte ich die Mopps kontrolliert und nie ein Ei gefunden. Laut Literatur sollten die Männchen einen Hauch von Gelb an den Flossenrändern bekommen und etwas größer werden als die Weibchen. Meine Tiere waren alle gleich groß und die Flossenfärbung fehlte auch, also bestätigte sich mein Verdacht, dass ich nur Weibchen besaß.

Meine Versuche, Tiere männlichen Geschlechts zu bekommen, schlugen fehl. Es war wie immer – nicht besonders farbenprächtige Regenbogenfische sind nicht so heiß begehrt und werden meistens nicht auf Dauer gehalten. Selbst in der IRG (Internationale Gesellschaft für Regenbogenfische e. V.) konnte sich kein Pfleger von Cairnsichthys rhombosomoides finden. Ich schwor mir: Wenn dieser Fisch noch mal angeboten wird, bin ich dabei.

Ein neuer Versuch
Mitte 2006 bekam ich von Johannes Graf eine E-Mail, dass er einen Fischimport aus Australien plante. Ich war natürlich begeistert, konnte wieder was für die Blutauffrischung tun und vielleicht auch etwas Neues erhaschen. Auf der Angebotsliste standen einige Blauaugen aus Australien, zum Beispiel Pseudomugil tenellus sowie zwei Fundortvarianten von Pseudomugil signifer. Bestellt habe ich von den drei Arten je zehn Exemplare. Der Termin rückte näher, eine Woche davor wurde die Ankunft der Fische um eine Woche verlegt. Gleichzeitig wurden uns Pseudomugil signifer und Cairnsichthys rhombosomoides aus dem Harvey Creek angeboten. Da griff ich natürlich zu und bestellte zehn Cairnsichthys.

Nun soll Cairnsichthys rhombosomoides, wie bereits erwähnt, ein transportempfindlicher Regenbogenfisch sein, und ich hatte meine Bedenken, ob die Tiere den Transport aus Australien überstanden. Johannes und ich hatten uns so verständigt, dass ich die Fische direkt vom Frankfurter Flughafen abholen sollte. Morgens um 6.00 Uhr ging es in Flensburg mit dem Zug los und ich erreichte den Bahnhof Frankfurt Flughafen nach sechseinhalb Stunden. Nun stand ich, der Mann vom Land, auf Deutschlands größtem Flughafen und wartete auf den Anruf von Johannes.

Nach einer Stunde kam der Anruf – wir wollten uns auf dem Parkdeck 14 treffen. Dieses Deck war aber nicht so einfach zu finden. Erst nach viermaligem Prüfen der Fahrstuhl- und Sprechanlage erreichte ich nach einer Stunde das leere Parkdeck. Da stand ich nun mit meinem Koffer, aber zum Glück kamen noch zwei andere IRG-Mitglieder aus Bayern, die auch diesen Übergabepunkt gewählt hatten. Wir mussten aber noch eine Stunde auf Johannes warten, weil die Zoll- und Tierarztabfertigung länger dauerte als geplant. Da die Fische nicht nach den Bestellungen der einzelnen Leute verpackt waren, mussten wir sie auf dem Parkdeck aus den großen Tüten herausfangen und in gesonderte Beutel setzen. Sauerstoff hatte Johannes mitgebracht und nach etwa einer dreiviertel Stunde hatte ich meine Fische in meinem mit Styropor isolierten Koffer verpackt.

In einer Tüte befanden sich zehn Pseudomugil tenellus zur Blutauffrischung, in der anderen mein Traum Pseudomugil signifer aus dem Harvey Creek und in der letzten Tüte neun Cairnsichthys rhombosomoides. Beim Aussuchen hatte ich auf das Geschlecht und gleichzeitig auch auf die Größe geachtet.

Nach der Verabschiedung erreichte ich einen Zug nach Hamburg und kam in Flensburg um Mitternacht an. Nach kurzer Eingewöhnung setzte ich die Fische direkt in die vorbereiteten Aquarien. Sehr lange konnte ich am nächsten Morgen nicht schlafen. Früher als sonst betrat ich meinen Zuchtraum in der Garage und kontrollierte die Neuankömmlinge nach dem Einschalten der Raumbeleuchtung. Alle Fische hatten die 48-stündige Prozedur gut überstanden.

Langsames Wachstum
Ich hatte ein Quarantäneaquarium in der Raummitte auf den Boden gestellt. Eigentlich sollte der Boden frei bleiben, aber wie man weiß, leiden Aquarianer immer unter Platzmangel. Das 150-l-Becken mit eingebautem Drei-Kammer-Filter sollte für die nächsten drei Wochen die „Rhombos“ aufnehmen. Als Bepflanzung wählte ich eine in eine Plastikschüssel gepflanzte große Amazonas-Schwertpflanze.


Paar von Cairnsichthys rhombosomoides im Aquarium, Weibchen oben.  
Foto: H.-G. Evers

Die Fische fühlten sich sichtlich wohl und ich konnte die ersten Beobachtungen machen. Es waren sechs Männchen und drei Weibchen. Vorbereitungen zur Vermehrung konnte ich nicht erkennen, also machte ich es wie immer und ließ einen Ablaichmopp an einem Korken frei im Becken schwimmen. In den nächsten Tagen kontrollierte ich ihn morgens und abends, doch Eier konnte ich nie entdecken.

Nach drei Wochen setzte ich ein Trio, ein Männchen und zwei Weibchen, in ein vorbereitetes Zuchtaquarium von 100 l Inhalt. Eingerichtet war es mit einigen Anubias, gefiltert wurde es mit einem „Hamburger Mattenfilter“ und es enthielt einen kleinen Mopp als Ablaichsubstrat. Das Wasser war der Leitung entnommen und hatte die Werte pH 7,5, 10 °dGH, 320 µS/cm und 24 °C. Zwei Tage später nahm ich vor der abendlichen Fütterung den Laichmopp aus dem Becken, um ihn das erste Mal zu kontrollieren. Entgegen meiner Erwartung war der Mopp voller Eier, die einen Durchmesser von etwa 1 mm hatten.

Um gezielt Jungfische aufziehen zu können, sammelte ich 50 Eier ab und legte sie in einen Plastikbehälter mit abgestandenen Wasser und einigen Tropfen Dessamor (Aquarium Münster). Nach zehn Tagen schlüpften die ersten Jungfische, und ich fing sie mit einer Fangglocke heraus und überführte sie in ein kleines Aquarium. Sie waren winzig klein und konnten entgegen der Aussagen einiger Autoren noch keine Salinenkrebs-Nauplien fressen. Heute, nach zweijähriger Erfahrung mit C. rhombosomoides, mache ich mir die Arbeit des Eierabsammelns nicht mehr. Wenn man die Tiere in einem Artenbecken hält, wachsen genug Jungfische auf. Allerdings ist C. rhombosomoides einer der wenigen Regenbogenfische, der seinen Jungfischen  hin und wieder nachstellt, so dass deren Anzahl im Rahmen bleibt.

Das Aquarium in der Raummitte sollte natürlich nicht da stehenbleiben. Deshalb setzte ich die restlichen „Rhombos“ in ein neu eingerichtetes Aquarium um.

Bei dieser Aktion entdeckte ich etwa 20 Jungfische in der ersten Kammer des Filters. Also blieb das Aquarium an Ort und Stelle und die anderen 50 Nachzuchten zogen auch hier ein. Das Wachstum war nicht sehr rasant – nach etwa sechs Monaten waren die Jungen auf 4 cm herangewachsen.

Da ein auf den Fußboden gestelltes Aquarium nicht  als Werbung für Aquaristik zu bezeichnen ist, baute ich stattdessen ein Regal und bestückte es mit drei Glasbehältern der Maße 80 × 60 × 40 cm (192 l). Das nennt man dann wohl „wunderbare Aquarienvermehrung“…

In eins dieser Becken zogen dann die Alttiere und später die Nachzuchten von C. rhombosomoides um. Nach einem halben Jahr gab ich dann die ersten Nachzuchten an Freunde und Mitglieder der IRG ab. Ich hoffe, dass ich damit etwas für den Aquarienbestand der Art in Deutschland getan habe. Der Aquarianer, der auf knallige Farben steht und einen neuen Renner für sein Börsenangebot sucht, sollte sich den fast unaussprechlichen Namen nicht einprägen – es ist nicht der richtige Fisch für ihn. Demjenigen, der einmal etwas Besonderes in seinem Aquarium schwimmen haben möchte, kann ich Cairnsichthys rhombosomoides nur empfehlen.

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