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AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 60–66

Aquaristik in Bolivien

von Daniel Konn-Vetterlein

Aquaristik in Bolivien – die Formulierung ist eigentlich schon falsch. Denn Aquaristik gibt es in Bolivien nur im Osten, also im flachen Teil des Lands. In den Andenstädten La Paz, Sucre oder Potosi findet man nur sehr wenige Aquarianer. Aber immerhin gibt es mittlerweile schon einen legalen Aquarienfischexporteur, der auch bereits Fische nach Deutschland liefert.

Besonders für die bolivianischen Departements Beni und Pando im Norden des Lands ist die Aquaristik wichtig. Denn dort leben viele Menschen vom Aquarienfischfang. Doch wer jetzt davon ausgeht, dass es hier ein verzweigtes Netz von Liebhabern, Händlern und Züchtern gibt, der liegt falsch.


Corydoras cruziensis ist einer der jüngst von Rarefish importierten Panzerwelse.   Foto: H.-G. Evers

Meine Gastgeber betreiben in Santa Cruz de la Sierra zwei Aquarienfischgeschäfte, und daher kann ich nach Belieben mit „Aquarianern“ sprechen. Was einem aber bei den Unterhaltungen klar wird: Der Fisch dient nur der Dekoration. Anstatt eines Bilds kommt ein Aquarium ins Wohnzimmer. Und dementsprechend wird es auch eingerichtet: Schrill und bunt, das ist die Hauptsache. Und da bietet der Handel mittlerweile ja viele Möglichkeiten: Glasperlen, Totenköpfe, Schiffe, Autos, Blubbermuscheln und Taucher. Dazu kommt dann der passende Besatz: Zwergkärpflinge (weil sie so bunt sind), Zwergkrallenfrösche (weil sie so bizarr sind), Küssende Guramis (weil sie so lustig sind) – und natürlich die obligatorischen Goldfische.

Technik aus China
In Lateinamerika ist Bolivien das ärmste Land. Danach muss sich auch der Zoohandel richten. Wenn kein Geld da ist, dann müssen die Preise eben niedrig sein. Das ist aber nur zu schaffen, wenn die Ware keine hohe Qualität aufweist. Also kommen 95 % aller Zubehörartikel aus China und Brasilien. Die Suche nach Produkten von Eheim, Wisa oder Fluval ist hier aussichtslos. Nur auf ausdrücklichen Wunsch und bei Vorabbezahlung werden sie bestellt. Kein Wunder, denn von dem Geld, das ein größerer Eheim-Filter kostet, kann eine Famile hier anderthalb Monate lang leben.


Die Auswahl an Futter, Medikamenten und anderen Kleinigkeiten ist sehr gering, wie man hier sieht.   Foto: D. Konn-Vetterlein

Aquarienhaus von J.-P. Sanchez zum Betrachten der Neuankömmlinge. Hier können die Fischer die Artenunterschiede erklärt bekommen.   Foto: D. Konn-Vetterlein

Man bekommt Strömungspumpen für 1,50 €, große Membranpumpen für 4,– €, und die Tropfen-Wassertests aus Chile gehen schon für 0,50 € über die Ladentheke. Beim Futter hingegen sieht es ganz anders aus. Die deutschen Firmen Sera und Tetra genießen einen guten Ruf, aber auch Hagen wird sehr gern gekauft.

Ganz so wie bei uns ist es aber dann doch wieder nicht. Das Futter wird in großen 10- bis 20-l-Eimern eingekauft, dann in kleine 100-ml-Dosen abgefüllt und für jeweils 1,– € weiterverkauft. Leider gibt es hier nur Flockenfutter. Als ich auf der Suche nach Artemia-Nauplien für meine Crossoloricaria sp. war, wurde ich überall nur komisch angeguckt. Weder Welstabletten noch andere Futtervarianten kann man hier kaufen.

Eine Besonderheit haben die Aquarien selbst aber noch: Sie sind unverhältnismäßig hoch. Standardmaße sind zum Beispiel 40 × 40 × 20 oder 80 × 60 × 30 (L × H × T). Sinn der Sache ist, dass man mehr von den Fischen sieht.

Einfaches Tierangebot
Das Fischsortiment ist äußerst einfach gehalten. Einheimische Fische, wie mehrere Ancistrus- und Corydoras-Arten, Carnegiella-Arten, und leicht zu vermehrende, wie Lebendgebärende, Betta splendens, Trichopodus trichopterus und Pterophyllum scalare, bestimmen das Bild in den Anlagen der Händler in Santa Cruz. Fische aus Afrika oder Asien gibt es manchmal in geringen Stückzahlen, doch liegen sie preislich schon fast auf deutschem Niveau. Und in Bolivien haben die wenigsten Leute 25,– € für einen Tropheus übrig.

Fast unbekannt sind Wirbellose. Während die kleinen, farbigen Garnelen und ihre größeren Verwandten quasi im Laufschritt die Aquarien der Welt erobern, scheinen sie Bolivien vergessen zu haben. Bis jetzt habe ich in ganz Santa Cruz nur eine Gruppe Caridina multidentata (besser bekannt als C. japonica) finden können. Die Tiere sollten 0,80 € kosten, wurden aber als Langusten gehandelt. Die meisten Fische bewegen sich preislich zwischen 0,40 und 3,– €.

Der absolute Lieblingsfisch der Bolivianer ist der Goldfisch. In jedem Aquarium muss ein Goldfisch schwimmen. Außerdem hat fast jedes Restaurant sein eigenes Aquarium und auch dort sieht man immer wieder Goldfische.

In Bolivien gibt es drei verschiedene Möglichkeiten, wie die Fische zum Endverkäufer kommen. Auch hier gibt es Großhändler. Doch das ist oft zu teuer und bedeutet auch sehr viel Schreibkram. Der ist hier gar nicht beliebt, ein Handschlag tut es auch.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, die Fische direkt dem Aquarienfischfänger abzukaufen. Man kann sich dann jedoch nicht auf ein Lieferdatum verlassen.

Es kann also passieren, dass man ein paar Wochen ohne die benötigten Fische auskommen muss. Denn die Aquarienfischfänger kommen, abhängig vom Fangerfolg, tagsüber mit Eimern in den Laden und versuchen, möglichst viel Geld für ihre Fische zu bekommen.

Je nach Art gibt es manchmal bis zu 0,50 € pro Stück. Normalerweise liegen die Preise aber bei 0,05–0,15 €.


Ein neuer Panzerwels aus Bolivien ist dieser unter dem Handelsnamen „Green Zebra“eingeführte Corydoras cf. aurofrenatus. Die hübsche Grünfärbung ist häufig bei Wildfängen aus Weißwasser zu beobachten und verschwindet nach einiger Zeit der Aquarienhaltung.   Foto: H.-G. Evers

Die dritte und meistgenutzte Möglichkeit ist der Bezug vom Züchter. Züchter haben es sehr viel einfacher und können weitaus billiger „produzieren“ als bei uns. Der größte Teil der in Deutschland anfallenden Kosten – für Heizung und gegebenenfalls Licht – erledigt sich durch die Sonne. Im Sommer hat man eher das Problem, dass das Wasser zu warm wird. Gefiltert wird ebenfalls nicht. Das ist auch nicht nötig, denn monatlich wird beim Abfangen der verkaufsfähigen Fische fast das komplette Wasser gewechselt.

Gehalten werden die Fische zu hunderten in Betonbottichen, die in den Boden eingelassen sind. Sie fassen meist 200–500 l Wasser und sind wie ein Teich mit Wasserpflanzen besetzt. Außerdem werden immer wieder Blätter vom Wind hereingeweht. Der Vorteil hierbei ist, dass auch das Füttern entfällt. Denn die Fische finden genügend Kleinstlebewesen im Schlamm, in den Algen und zwischen den Pflanzen. Die Arbeit des Züchters geht also gegen Null. Nur beim monatlichen Abfischen muss er etwas tun.

Der einzige legale Exporteur
Bereits nach vier Wochen in Bolivien machte ich die Bekanntschaft des freundlichen Franzosen Jean Paul Sanchez, der der einzige legale Aquarienfischexporteur Boliviens ist. Bis 2001 gab es ebenfalls einen Exporteur im Norden nahe der Stadt Trinidad.

Er musste allerdings nach sehr kurzer Zeit schon wieder aufgeben, weil er keinen Markt für seine Fische fand.

Jean Paul Sanchez hat sein Büro und seine Exportstation in Buena Vista. Er hat sich mittlerweile seine eigene kleine Firma namens IUPA aufgebaut und beschäftigt vier Festangestellte. Es geht ihm aber nicht nur um die Gewinne, sondern sein vorrangiges Ziel ist es, den Einheimischen etwas über ihr eigenes Land, insbesondere über die Tierwelt, beizubringen. Dazu hat er das Projekt „Aquarienfischexport“ ins Leben gerufen. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit einheimischen Vögeln.

Seine Fische bezieht er größtenteils über seine eigenen, aber auch über andere Fischer. Für viele Fischerfamilien ist das das einzige Einkommen. Deswegen findet das Projekt großen Zuspruch und immer mehr Fischer bringen ihre Fische zu ihm.


Jean Paul Sanchez mit einem Liposarcus anisitsii. 
Foto: D. Konn-Vetterlein

Abfischen eines der Teiche in der Außenanlage bei IUPA.  
Foto: D. Konn-Vetterlein

Das befischte Gebiet ist trotzdem sehr klein. Professionell gefischt wird nur in einem Umkreis von 150 km von Buena Vista. Weiter entfernte Fangplätze werden schnell zum logistischen Problem, denn in den ländlichen Gebieten Boliviens gibt es oft keine befahrbaren Wege. Wieso Sanchez den Fluss nicht als Transportweg nutzt, konnte er mir nicht überzeugend erklären. Ich vermute aber, dass ihm der Aufwand zu groß ist.

Importe aus anderen Ländern lehnt Sanchez strikt ab. Das widerspricht dem Sinn des Projekts und ist auch gar nicht nötig. Denn Bolivien hat eine große Artenvielfalt und es gibt einige Fische, denen ich eine aquaristische Karriere zutrauen würde.

Dementsprechend gut läuft auch das Geschäft. Nach Europa exportiert Sanchez noch wenig, aber der Grundstein ist mittlerweile gelegt. Es wurde ein Exklusivvertrag mit der jungen Schweizer Importfirma Rarefish abgeschlossen. Die ersten Sendungen von Aquarienfischen aus Bolivien sind kurz vor Redaktionsschluss in Zürich eingetroffen. Neben verschiedenen seltenen Panzerwelsen wurden auch die ersten Harnischwelse und diverse Buntbarsch-Arten eingeführt, die bislang noch nicht in größerer Stückzahl in Europa erhältlich waren.

Fünf Betonteiche
Die kleine Anlage unter freiem Himmel ist Sanchez’ ganzer Stolz. Die Fische werden in fünf großen Betonteichen gehalten. Jeder Teich hat ein Volumen von 175000 l, ist 35 m lang, 5 m breit und ungefähr 1 m tief. Unter freiem Himmel ist natürlich keine Heizung nötig. Immerhin liegt die Jahresdurchschnittstemperatur in Buena Vista bei 23 °C und auch im Winter wird es nicht sehr viel kälter.

Alle fünf Becken unterliegen einem ständigen Wasseraustausch. Das Frischwasser wird 4 km weit herangepumpt und ständig kontrolliert. Die vielen Schwimmpflanzen, die in allen fünf Becken die Oberfläche überwuchern, tragen zur natürlichen Wasseraufbereitung bei. Sanchez schwört auf diese Pflanzen. Er möchte alles so natürlich wie möglich halten, daher sind Pflanzen, Wurzelstücke und Steine für ihn ein Muss. Dass er damit Recht hat, sieht man an der wundervollen Qualität seiner Fische.


Die Außenanlage der Exportstation von J.-P. Sanchez.  
Foto: D. Konn-Vetterlein

Je nach Art und Verhalten werden die Fische in verschiedenen Kombinationen eingesetzt. So kann der wenige Platz optimal genutzt werden. Dafür werden aus Netzen zusammengenähte Behälter benutzt, die den bekannten „Big Bags“ ähneln. Mit Styropor und luftgefüllten PVC-Rohren werden sie an der Wasseroberfläche gehalten und verhindern die Flucht der Fische. So können alle Fische artgerecht und ohne großen Aufwand gehalten werden. Über jeden dieser Körbe wird akribisch Buch geführt. Das erleichtert das Abfischen ungemein. Dazu wird der Korb kurz aus dem Wasser geholt und die Fische werden im wahrsten Sinne des Wortes abgesammelt.

Neben den Betonbecken steht eine kleine Hütte mit Palmenblätterdach. Darin findet man einige Aquarien, in die alle neuen Fische kommen, um bestimmt zu werden. Fische, die nicht bestimmt werden können, krank oder verletzt sind, bleiben gleich da. Der Rest wandert in die großen Becken.

Auch bei der Bestimmung und Auswahl der Fische achtet Sanchez darauf, dass der jeweilige Fischer Interesse zeigt und ihm zuhört. „Wenn ich nicht darauf achten würde, wäre ihnen das doch piepegal. Aber wer mir Fische verkaufen will, muss auch wissen, welchen Fisch er da hat. Darum geht es doch schließlich, oder?“

Sanchez möchte den Fischern klarmachen, dass die Biotope geschützt werden müssen. Und das geht nur, wenn die Leute einen Nutzen in ihnen sehen. Und das hängt wiederum – wie so oft – nur mit Geld zusammen. „Wenn die Leute wissen, dass in dem Bach Fische leben, die ihnen Geld einbringen, dann setzen sie sich für ihn ein.“

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Fische aus Bolivien bald immer öfter nach Deutschland gelangen werden. Darunter befinden sich einige wahre Schönheiten. Bolivien hält sicher noch einige Überraschungen für uns bereit.

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