AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 68–72
Heimschau
von Hans-Georg Evers
Der allererste Beitrag unserer neuen Sparte führt uns in das kleine Städtchen Pottendorf bei Wien. Hier lebt und arbeitet der passionierte Aquarianer Anton Oberleuthner. In seinem kleinen Keller hat er eine sehr ungewöhnliche Gemeinschaft von Pfleglingen versammelt, die in mitunter recht großen Aquarien untergebracht sind. Hier schwimmen große mittel- und südamerikanische sowie etwas kleiner bleibende westafrikanische Buntbarsche einträchtig zusammen mit Flösselhechten und, ja, Schildkröten!

Der passionierte Buntbarschfreund Anton Oberleuthner.
Foto: H.-G. Evers
An einem kalten, trüben Oktobertag kommt es mal wieder zu einem der vielen konspirativen Treffen von Aquarianern, um sich in dunkelfeuchten Kellern über Fische und alles, was damit zusammenhängt, zu unterhalten. Gastgeber ist ein sympathischer Niederösterreicher, mit 37 Jahren ein gestandener Aquarianer, der sich von Kindesbeinen an mit dem Hobby beschäftigt. Zitat: „Ich wurde mit dem Aquaristikvirus infiziert, als ich gerade den aufrechten Gang lernte“. Nun ja, mit dem aufrechten Gang ist es in diesem Kellergewölbe für den hochgewachsenen norddeutschen Gast glücklicherweise recht weit her, wenngleich man sich jedoch eher in gebückter Haltung unterhält, um die vielen Fische besser beobachten zu können.
Cichlidophil
Dass der Mann Fische hält, wird einem sofort klar, wenn man den Keller mit den 24 Aquarien betritt. Es sind in erster Linie die größeren Brocken, Buntbarsche aus den Neotropen, die Oberleuthner pflegt und die dem Besucher sofort auffallen. Es begann alles mit dem üblichen Kinderaquarium und wurde mit Killifischen und Welsen fortgesetzt, bis Phase 2 der Infektionsstufe eingeläutet wurde.
Anfang der 1990er Jahre entdeckte der selbstständige Kaufmann seine Liebe zu den Buntbarschen, und seitdem gab es kein Halten mehr. Der bekannte Aquarianer Anton Lamboj ist ein Cichlidenfreund und wohnt noch dazu im gleichen Ort. Da ist es ja wohl jedem klar, dass sich zwei Vollblutaquarianer früher oder später über den Weg laufen und Fischtüten hin und her schleppen. In diesem Fall drückte Anton L. dem Anton O. eine Tüte mit Satanoperca-Buntbarschen in die Hand und das gab den Ausschlag.
Die Satanoperca-Arten sind auch heute noch Anton Oberleuthners Lieblinge und irgendwo schwimmt immer einer der interessanten Erdfresser in seinen Aquarien.
In den recht großen Aquarien tummelt sich eine beeindruckende Sammlung von nicht gerade alltäglichen Buntbarschen (siehe Kasten). Seit etwa 2002 sind es besonders die Heros-Arten, die es ihm angetan haben. Vom einstigen „Diskus des kleinen Mannes“, wie H. severus (damals „Cichlasoma“ severum) & Co. einst genannt wurde, hat sich diese kleine Gattung, in der einige ausgesprochen hübsche und hinsichtlich ihrer Fortpflanzungsbiologie sehr interessante Buntbarsche vereinigt sind, zum beliebten Studienobjekt spezialisierter Aquarianer gewandelt.

Blick auf einen Teil der Kelleranlage mit den großen Aquarien.
Foto: H.-G. Evers

Für strömungsliebende Fische wurden die flachen Aquarien angeschafft.
Foto: H.-G. Evers
„Bei den großen Cichliden ist es wichtig, relativ hohe Behälter anzubieten. Die Tiere fühlen sich dann bedeutend sicherer und verlieren schnell die Scheu“, erklärt mir der Hausherr. Und tatsächlich sehe ich eine Vielfalt von verschiedenen Arten recht munter und entspannt die Frontscheiben entlangdefilieren. Dazu blickt man in einige recht flache Aquarien mit strömungsliebenden Buntbarschen aus Westafrika (Steatocranus irvinei) oder knallroten Cichliden (Hemichromis sp.). Alles in allem eine recht illustre Gesellschaft, die sich aus einigen recht seltenen und nicht häufig zu sehenden Arten zusammensetzt.
Bibliophil
Der passionierte Praktiker, der sich seine Luftheber für die Filtermatten selbst gebastelt hat und auch sonst gern tüftelt und werkelt, ist ein leidenschaftlicher Literatursammler. Er liest mit Hingabe und Freude aquaristische und terraristische Bücher und Zeitschriften. Doch nicht nur diese, auch andere Themen kann man mit Anton Oberleuthner diskutieren. Genau das, der Blick über den Tellerrand ist es, der ihm wichtig ist.

Selbst gebaut: leistungsstarke Luftheber. Foto: H.-G. Evers
Er selbst sieht sich als ganz normalen Aquarianer, der eigentlich nichts Besonderes macht. Bescheidenheit ist eine Zier, und wer mit ihm spricht, merkt sehr schnell, dass er die vielen Bücher und Heftchen nicht nur sammelt, sondern auch liest. Bevor er sich einen neuen Pflegling anschafft, informiert er sich ausgiebig über dessen Pflegeansprüche. Wo kann man das besser als in vernünftiger Fachliteratur? Das Internet ist oft eine schnelle Hilfe, doch tiefer gehende Informationen erhält man dort meistens nicht, räumt der bekennende Internetsurfer freimütig ein. Außerdem gefällt es ihm viel besser, mit einem Buch oder einer Zeitschrift in der Hand gemütlich im Sessel zu sitzen und zu schmökern. Da haben wir etwas gemeinsam.
Neues Steckenpferd
Und der Buntbarschfreak ist kein Scheuklappenträger. In jüngster Zeit hat er die Flösselhechte der Gattung Polypterus für sich entdeckt und trägt sich mit züchterischen Ambitionen. Die Vergesellschaftung mit ruhigen, friedlichen Buntbarschen gelingt in den großen Behältern mühelos, und alle Insassen scheinen gesund und munter zu sein. Es ist schon ein komischer Anblick, wenn plötzlich und unerwartet ein 40 cm langer Polypterus endlicheri um einen Stein biegt und den Betrachter interessiert beäugt. Mit den Buntbarschen hat man sich offenbar arrangiert und man respektiert sich. Keine Beißereien, alle Flossen unversehrt.
Aber der eigentliche Knaller kommt erst noch. Im selben Behälter schwimmen einige halbwüchsige Fransenhalsschildkröten oder Mata-Mata, Chelus fimbriatus! Der Flösselhecht schwimmt nach einigen Augenblicken des Betrachtens eines überraschten Redakteurs weiter und trifft prompt auf die etwa gleich große Schildkröte. Die beiden beschnuppern sich Nasenzipfel an Schnauze und schwimmen danach entspannt weiter. Man kennt und verträgt sich halt.

Begegnung der ungewöhnlichen Art: Schildkröte und Flösselhecht beim Schnuppertest. Foto: H.-G. Evers
Als ich, begeistert wie ein kleiner Junge, mit Anton Oberleuthner darüber spreche, greift dieser lächelnd zur Pinzette. Ja, auch noch Fütterung der Raubtiere, das ganz große Programm! So eine Mata-Mata finde ich einfach klasse. Wie die sich einen fingerlangen Fisch nach dem anderen in den Hals schlingt und dabei noch grinsen kann, das ist einfach fabelhaft. Und so eine Schildkröte bietet offenbar auch noch ein prima Versteck für einen eher schüchternen Buntbarsch. Ein großer Astronotus sp. „Zebra“ nutzt den Beckengenossen, als der Mann mit der Kamera zu aufdringlich wird. Ein solch beeindruckendes „Gesellschaftsaquarium“ habe ich noch nie vorher erleben dürfen!
Vielseitigkeit
Wer sich so intensiv mit der Aquaristik befasst, der wünscht es sich irgendwann auch einmal, die Heimatbiotope der Pfleglinge zu besuchen. Anton Oberleuthner war zusammen mit Freunden schon zweimal in Bolivien auf Fischfang. Von dort brachte die Gruppe auch erstmals den hübschen mittelgroßen Buntbarsch Bujurquina oenolaemus mit. Während wir im Keller sitzen und schwatzen, beobachten wir ein Zuchtpaar dieser Art, wie es mit seinen Jungfischen durch das Aquarium zieht.
Für jeden Aquarianer sind solche Erlebnisse, die Tiere selbst vor Ort zu fangen und sie danach auch noch erfolgreich daheim zu vermehren, ein absoluter Höhepunkt im Hobbyistenleben. Und Oberleuthner ist wohl tatsächlich ein absoluter Vollblutaquarianer, mit Leib und Seele in der Materie verhaftet. Wenn er weder Fische beobachtet noch im Keller werkelt, dann surft er auch gern im Internet und diskutiert in verschiedenen Fachforen mit gleichgesinnten Aquarianern. Durch seine aufgeschlossenen und fachlich fundierten Beiträge bin ich auf ihn aufmerksam geworden.
Später, bei Kaffee und Gugelhupf, und nachdem sein Nachbar und mein alter Weggefährte, der Lamboj Anton, noch dazu gekommen ist, geht es um Biotope und Umweltschutz, um Zuchtprogramme und Aufklärung und noch vieles mehr. Es ist immer eine pure Freude, wo auch immer auf der Welt, mit weltoffenen und liebenswürdigen Aquarianern zusammenzusitzen und zu fachsimpeln. Dieser Sonntagnachmittag wird uns allen dreien wohl noch lange in guter Erinnerung bleiben.
Anlage Oberleuthner
24 Aquarien mit etwa 8000 l Inhalt
2 × 200 × 80 × 60 cm
1 × 190 × 80 × 60 cm
1 × 180 × 80 × 70 cm
1 × 180 × 70 × 50 cm
1 × 140 × 80 × 60 cm
1 × 130 × 80 × 50 cm
Diverse kleinere Aquarien
Filterung
Mattenfilter mit Lufthebern Marke Eigenbau, Eheim-Außenfilter
Arbeitsaufwand
etwa 10 Stunden pro Woche
Fischarten
Acaronia nassa
Astronotus sp. „Zebra“
Astronotus sp. „Tefé“
Bujurquina oenolaemus
Geophagus proximus
Guianacara sphenozona
Hemichromis guttatus
Hemichromis sp. „Benue“
„Herichthys“ bocourti
„Herichthys “ pearsei
Heros sp. „Caño Mocho“
Pelmatochromis nigrofasciatus
Polypterus endlicheri aus Guinea und evtl. Nigeria
Polypterus lapradei
Steatocranus irvinei
Tilapia buttikoferi
Schildkröten
Chelus fimbriatus, Mata Mata
Kinosternon baurii
Argentinische Schlangenhalsschildkröte, Hydromedusa tectifera
Bevorzugte Internetforen
www.aquaristikimdetail.de
www.raubsalmler.de
www.waterwolves.com
Vereinsmitgleidschaften
Deutsche Cichlidengesellschaft DCG
Internationale Schildkrötenvereinigung
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