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AMAZONAS 21, Januar/Februar 2009, Seite 68–72

Lebendfutter für alle!

von Joachim Knaack

Es ist recht bequem, Lebendfutter wie Wasserflöhe, Hüpferlinge, Mückenlarven, Würmer und Rädertierchen durch Flockenfutter zu ersetzen. Kunstfutter ist für viele Aquarianer eine beliebte Möglichkeit, ihre Pfleglinge mit Nahrung zu versorgen. Für viele von ihnen ist es zu zeitraubend und aufwändig, auf Tümpeltour gehen, um das wertvolle Lebendfutter zu fangen. Aber es gibt eine Alternative. Das Porträt eines Betriebs, der lebendes Fischfutter produziert, fängt und importiert, lesen Sie hier.

In den letzten 50 Jahren haben sich die ehemals genutzten natürlichen Futtervorkommen drastisch reduziert. Zahlreiche kleine stehende Gewässer sind durch Flurbereinigungsmaßnahmen und durch Grundwasserrückgang völlig verschwunden. Einst sichere Wasserflohvorkommen in Dorfteichen existieren überwiegend nicht mehr. Die notwendige Nährstoffzufuhr durch Wassergeflügel oder Gülle findet nicht mehr statt, weil Enten und Gänse einfacher und billiger aus dem Großmarkt zu beziehen sind.


Aktuelle Luftbildaufnahme des Betriebes IT in Santok.

In größeren Gewässern, die noch über Zooplankton verfügen, erfolgt aus sportlichen und/oder wirtschaftlichen Gründen durch Fischer und Angler ein Über- oder Fehlbesatz mit Speisefischen. Dadurch wird die Biomasse des Zooplanktons oft so stark reduziert, dass sich ein Fang nicht mehr lohnt. Und letztlich verhindern häufig rechtliche Regelungen die Entnahme von Zooplankton.

Zur Reproduktion bestimmter Fisch-Arten ist Lebendfutter jedoch eine entscheidende Voraussetzung, und in der Natur sind die meisten Fische karnivor, zumindest ihre Jungfischstadien. Das bedeutet, der Beutefang ist Bestandteil ihres Lebens und gehört zum natürlichen Tagesablauf.

IT-IchthyoTrophic
Ein Zoofachgeschäft ohne Wasserflöhe war einst so undenkbar wie eine Kneipe ohne Bier. Viele spezialisierte Berufsfutterfänger verdienten mit dem täglichen

Wasserflohfang ihren Lebensunterhalt. Da aus bereits genannten Gründen Wasserflöhe aus Naturvorkommen der Aquaristik heute kaum noch zur Verfügung stehen, ist die Produktion von lebendem Fischfutter eine wichtige und verdienstvolle Aufgabe. Dieser Herausforderung hat sich ein in Polen ansässiger Betrieb, IT-IchthyoTrophic, im folgenden kurz IT, gestellt.

Das Unternehmen gründete 1995 der ehemalige Ostberliner Aquarienfischzüchter und Futterfänger Uwe Schatz. Er begann mit fünf Mitarbeitern. Zunächst waren Fang und Verkauf von weißen Mückenlarven die einzige Einnahmequelle. Durch Entwicklung spezieller Verpackungstechnologien, die den Handel und Vertrieb lebender Fischnährtiere vereinfachten, erzielte der Betrieb allmählich Gewinne, die wiederum Investitionen ermöglichten. Inzwischen wurden umfangreiche Anlagen zur kontinuierlichen Produktion von acht Arten lebenden Fischfutters aufgebaut, die mehr als 1 ha Wasserfläche einnehmen, wovon sich etwa die Hälfte in beheizbaren Gewächshäusern befindet. Überdachte Produktions-, Lager- und Wohnflächen des Betriebes nehmen etwa 6000 m2 ein, und das Gelände von 10 ha Gesamtfläche bietet noch Raum zur Expansion. Derzeit arbeiten 56 Mitarbeiter bei IT.

Da leider davon ausgegangen werden muss, dass noch vorhandene Lebendfutter-Ressourcen weiter schwinden, ist die Firma bemüht, die Produktion von lebendem Zooplankton zu erweitern, sowohl hinsichtlich der Artenvielfalt als auch der Gesamtmengen. Zwei dabei auftretende positive Effekte sollen hier hervorgehoben werden: Durch kontrollierte Produktionsbedingungen gelangt ausschließlich Lebendfutter in den Handel, das frei von Krankheitserregern und Schadstoffen ist, und natürlich auftretende saisonale Schwankungen hinsichtlich Quantität und Qualität können unter Kulturbedingungen weitestgehend ausgeglichen werden.

Verpackung und Lieferung
Nicht nur die Produktion und der Fang von Futtertieren sind wichtig, sondern auch ihre sachgemäße Hälterung, Verpackung und Transport zu Großhändlern und Großverbrauchern. Um das Lebendfutter dosiert in entsprechender konstanter Menge abpacken zu können, mussten eigens dafür Maschinen und Zubehör entwickelt und gebaut werden. Diese Aufgaben wurden bisher erfolgreich und werden auch weiterhin von dem Maschinenbauingenieur Jörn Schatz wahrgenommen, dem Bruder des Unternehmers. Sein Anliegen ist es, das Verhalten und die Bedürfnisse der Futtertiere in seine technischen Überlegungen einzubeziehen. Oft sind viele Arbeitsschritte erforderlich, um in aufwändigen Arbeitsgängen das Lebendfutter artspezifisch zur Abpackung vorzubereiten. Schließlich hat der Kunde das Recht, die entsprechende Futtertierportion in lebendfrischem Zustand zu erhalten.

Es ist schon beeindruckend, wenn man im Abpackungsraum die Maschinen im Schnelllauf sieht, die die einzelnen Gebinde (Polyethylen-Beutel, Polystyrol-Blister) füllen und verschließen. An jeder Maschine sitzt eine Arbeitskraft, die diese Vorgänge überwacht. Danach

werden diese Abpackungen in großen Kühlräumen bei 5–8 °C bis zum Abtransport kurzzeitig zwischengelagert. Die Zustellung des lebenden und auch tiefgefrorenen Fischfutters an den zoologischen Fachgroßhandel von Estland bis England erfolgt vornehmlich direkt und zeitoptimiert mit betriebseigenen Kühlfahrzeugen.

Zuständig für die betrieblichen Abläufe und für den Kontakt zu Kunden und Lieferanten in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist Nikolay Zateev, zweiter Geschäftsführer des Unternehmens und dessen Organisator seit Bestehen. Bereits vor Gründung von IT hat Nikolay Zateev drei Jahre mit Uwe Schatz eng zusammengearbeitet, der von 1991 bis 1994 Teilhaber eines deutschrussischen Joint Venture in St. Petersburg war.

Die Materialien zum Verpacken des lebenden Fischfutters wurden bereits in dieser Zeit entwickelt, speziell gefertigte Polyethylen- und Polystyrol-Folien, die den Gasaustausch und Stoffwechsel der Futtertiere während ihrer zeitweiligen Unterbringung gewährleisten. Diese Verpackungstechnologien, Resultat mehrjähriger Forschungsarbeit und Erfahrung, garantieren bei ausreichender Frischluftzufuhr und Einhaltung der Lagertemperaturen die Qualität des Lebendfutters. Eine wichtige Rolle spielt auch das verwendete Wasser, es wird über Zeolith gefiltert und je nach Futterart auf seine spezifischen physiologischen Bedürfnisse eingestellt. Es ist ein wichtiger Schritt, um die Vitalität der verpackten Futtertiere zu erhalten.

Vielfaches Angebot
Aus betriebseigenen Zuchten werden von IT ganzjährig angeboten:

  • Enchyträen (Enchytraeus albidus)
  • Wasserflöhe (Daphnia pulex)
  • Salinenkrebse (Artemia franciscana)
  • Seewasserrädertierchen (Brachionus plicatilis)
  • Salinenkugelflöhe (Moina salina)
  • Flohkrebse (Gammarus oceanicus)
  • Schwebegarnelen (Mysis sp.)
  • Schwimmgarnelen (Palaemonetes varians)


Adulte Salinenkrebse.


Rote Mückenlarven der Gattung Chironomus im Verpackungswasser.


Enchyträen vor dem Abpacken.

Außerdem sind selbstgefangene weiße Mückenlarven (Chaoborus flavicans) ganzjährig lieferbar, ein sehr haltbares und wertvolles Futter für viele Fisch-Arten, sowie die beliebten und geschätzten Schlammröhrenwürmer (Tubifex tubifex) und rote Zuckmückenlarven (Chironomus sp. und Chironomus cf. plumosus). Tubifex werden vor dem Weiterverkauf mindestens sieben Tage lang in fließendem Wasser von Trinkwasserqualität gehältert. Zur Artbestimmung und Eingangskontrolle steht qualifiziertes Laborpersonal zur Verfügung, dessen Aufgabe es auch ist, die Lebensansprüche von weiteren, als eventuelle Futtertiere in Betracht kommenden Würmern, Krebsen und Insekten sowie deren Larven zu ermitteln und gegebenenfalls Kulturen aufzubauen.

Entscheidend sind letztlich nicht nur die Haltungs- und Reproduktionsansprüche der Futtertiere im Jahresverlauf, sondern auch ihre Ansprüche und das Verhalten unter Verpackungs-, Lagerungs- und Transportbedingungen. So ist es zwar möglich, Süßwasserkugelflöhe der Gattung Moina, ein gern gefressenes Lebendfutter, in gewünschter Menge zu produzieren, doch ihre Temperaturansprüche passen nicht in die Produktpalette des Unternehmens. Ähnlich ist es mit den Grindalwürmchen (Enchytraeus buchholzi), die abgepackt und gekühlt nur wenige Stunden lebensfähig sind. Auch ihr Vertrieb in Form von Zuchtansätzen ist nicht unproblematisch, da sich in der Großproduktion ein Schädlingsbefall der Kulturen durch Milben und Insekten praktisch nicht verhindern lässt.

Deshalb war es interessant zu erfahren, dass sich IT mit der Kultivierung einer anderen mitteleuropäischen Zwerg-Enchyträe befasst, die sich auch eingeschlechtlich vermehrt. Ob es gelingen wird, diesen sehr kleinen Oligochäten über Laborergebnisse hinaus in der Angebotspalette zu etablieren, ist derzeit noch ungewiss.

Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Würmchen zukünftig als lebendes Starterfutter für viele Fischgruppen zur Verfügung stehen wird – es wäre sicherlich mehr als eine Alternative zu Artemia-Nauplien.

Schwer zu züchten – Mückenlarven
Rote Mückenlarven sind nicht nur in Europa das beliebteste Naturfischfutter. Die intensiv rot gefärbten, hämoglobinhaltigen Larven dienen unseren einheimischen Süßwasserfischen wie den meisten Aquarienfischen aus aller Welt als ein bevorzugtes Beutetier. Große, sogenannte Jumbo-Mückenlarven werden sogar erfolgreich zum Angeln selbst großer Karpfenfische eingesetzt. Auch für manche höheren Krebse und Amphibien sind rote Mückenlarven eine willkommene Nahrung.

Nach anfänglichen Erfolgen in der Kultivierung von roten Mückenlarven wurde ihre Produktion jedoch aus Rentabilitätsgründen aufgegeben. Alle von IT lebend verpackten roten Mückenlarven werden in fischfreien Haffen gefangen, den Limanen an der ukrainischen Schwarzmeerküste. Diese können im Hochsommer Salinitäten von bis zu 100 Promille erreichen. Erstaunlicherweise vertragen die darin gefangenen Larven die Umstellung auf Süßwasser problemlos.

Aufgrund der Klima- und Lohnkostenvorteile asiatischer Futterproduzenten werden schwarze und rote Mückenlarven wie auch Cyclops als tiefgefrorenes Fischfutter importiert. Weiße Mückenlarven (Chaoborus) und Schlammröhrenwürmer (Tubifex) lassen sich unter Laborbedingungen kultivieren, doch die benötigten Mengen zu produzieren ist unwirtschaftlich. Deshalb werden die beiden so wichtigen Futter-Arten in natürlichen Gewässern gefangen.

Besondere Erfahrungen bei Fang und Handhabung der weißen Mückenlarven konnte Uwe Schatz während seiner Zeit als Futterfänger sammeln. Die räuberischen, sich überwiegend von Copepoden (Cyclops, Diaptomus) ernährenden Larven leben meist in tieferen klaren Seen. Mitunter verbringen sie bis zu mehrere Monate im Schlamm ohne freies Wasser aufzusuchen. Das schränkt die Fangsaison häufig ein. Deshalb ist es notwendig,

eine große Anzahl von „Chaoborus-Gewässern“ zu kennen, um die benötigte Masse an lebenden weißen Mückenlarven ständig zur Verfügung zu haben. Ihr Fang erfolgt kommerziell mit Hilfe von Motorbooten oder stationären Motorwinden.

Der Vorteil dieser Futtertiere besteht darin, dass sie bei sachgerechter Lagerung bis zu mehrere Wochen lang ohne nennenswerte Nährwertverluste am Leben bleiben. Zu erwähnen ist, dass von der Biomasse der weißen Mückenlarven eines Gewässers nur ein Teil abgefischt wird, um die Entnahme über viele Jahre aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu gewährleisten. Außerdem bleiben die natürlichen aquatischen (Insekten, Fische, Molche) wie terrestrischen Nahrungsketten (Insekten, Spinnen, Vögel, Fledermäuse) erhalten.

Die Produktion der als lebendes Fischfutter besonders beliebten Wasserflöhe (Daphnia pulex) erfolgt in Gewächshäusern, in beheizbaren Becken von 400 m3 Wasservolumen. Die Wasserflöhe werden mit Algen, Nährhefen und Sojamehl gefüttert und zur Entnahme schonend mittels Injektorpumpen in Netzhälterkäfige befördert. Aus ihnen können sie nach Bedarf zusammen mit Kulturwasser entnommen werden. Auffällig ist die kräftige, tiefrote Färbung der Daphnien. Dazu bemerkte Uwe Schatz: „Nach vielen Fehlschlägen haben wir endlich das richtige Futter gefunden.“

Ein neues Ziel
Stillstand gibt es bei IT nicht. Der Fachmann weiß, dass die Steuerung so großer Biomassen an Zooplanktern mit vielen Problemen verbunden ist. Nur durch ständiges Beobachten der Kulturen und ihre Überwachung ist es möglich, im Bedarfsfall schnell zu handeln, um großen Schaden zu verhindern.

Das dreiköpfige Leitungsteam ist interessiert, das Betriebsprofil zu erweitern und sich den aktuellen Forderungen der Zeit zu stellen. So führten die Produktionsergebnisse im Meerwasserbereich zu Überlegungen, die schon jetzt im Routinebetrieb verfügbaren marinen Futtertiere zur Vermehrung von Korallentieren in Aquakulturen zu nutzen. Zunehmende Fang- und Ausfuhrbeschränkungen sowie drastische Verteuerungen der importierten Korallentiere lassen es sinnvoll erscheinen, einen weiteren Betriebsteil „Korallentiere“ aufzubauen. Für diese Aufgabe wird allerdings eine gestandene Fachkraft benötigt. Ein viertes Leitungsmitglied könnte hier eine persönliche Zukunft im Interesse von IT aufbauen.

Betrachtet man das vom internationalen IT-Team Erreichte – es geht nicht allein um die wirtschaftlichen Erfolge, sondern auch um die Versorgungssicherheit mit Lebendfutter von Tieren in menschlicher Obhut – dann kann man dazu dem Unternehmen nur gratulieren. Es bleibt zu hoffen, dass der Aufwärtstrend bei Energie- und Rohstoffpreisen sowie Manipulationen an den internationalen Finanzmärkten die Betriebskosten nicht explodieren lassen und Lebendfutter im Laden weiterhin bezahlbar bleibt, und dass IT seinen erfolgreichen Entwicklungsweg fortsetzen kann.

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