// Startseite 

AMAZONAS 14, Novemer/Dezember 2007, Seite 58–63

Takashi Amano – Nature Aquarium Gallery in Niigata

von Oliver Knott

Der Name „Takashi Amano“ und seine Form der Aquariengestaltung sind aus der Aquaristik nicht mehr wegzudenken. Begleiten Sie mich in diesem zweiteiligen Artikel auf eine Kurzreise in das Ursprungsland der Naturaquarien und in die Heimat ihres Erfinders.

Mein Abenteuer Japan begann im Frühjahr 2004. Mit ein paar Wörtern Japanisch im Gepäck, die ich mir im Jahr zuvor mühevoll angeeignet hatte, reiste ich zum ersten Mal ins Land der aufgehenden Sonne. Genauer gesagt, ging es nach Niigata, das etwa 300 km nördlich von Tokio liegt und der Sitz der Firma Aqua Design Amano (ADA) ist.


Takashi Amano – der Meister in seinem Element. Foto: O. Knott

Nicht nur Koi

Die rund 500000 Einwohner zählende Stadt Niigata ist wohl besonders den Koi-Liebhabern ein Begriff, denn in den Bergen östlich von Niigata leben und arbeiten die meisten japanischen Koi-Züchter. Die Region ist übrigens vor rund drei Jahren von einem schweren Erdbeben betroffen worden und hat immer noch unter seinen Folgen zu leiden.


Ganz besonders anziehend sind die 180 cm langen und 100 cm tiefen Aquarien,
die eine ganz besondere Dekoration ermöglichen. Foto: O. Knott

Westlich von Niigata City, etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, liegt Maki Matchi, das Mekka aller Naturaquarianer und der Firmensitz von ADA. Ganz untypisch für die japanische Bauweise hat der Bruder von Takashi Amano (ein Architekt) einen modernen Komplex aus Beton und Glas entworfen. Darin sind die Verwaltung, die Redaktion der firmeneigenen Zeitschrift und als Schmuckstück die Nature Aquarium Gallery untergebracht.

Gleich im Eingangsbereich wird man von einem wunderschönen 3,50 m langen Naturaquarium begrüßt, das in die Wand eingelassen worden ist und durch das man in die Aquarium Gallery schauen kann. Einige hundert Rote Neon ziehen ihre Kreise und das im wahrsten Sinne des Wortes. Selten habe ich so ein Schwarmverhalten gesehen wie in diesem Becken. Der Kontrast zwischen dem schwarzen Gebirgsgestein und den sattgrünen Pflanzen macht das Bild perfekt. Beleuchtet wird das Becken übrigens ausschließlich mit Leuchtstoffröhren in der normalen T8-Ausführung mit einer Farbtemperatur von 8000 K.


Eine ganze Batterie von beeindruckend gepflegten Nano-Aquarien.
Foto: O. Knott

Es ist überall unglaublich sauber, und wo man hinsieht, finden sich kleine Highlights – seien es Indoor-Bonsai, bewachsene Steine oder exotische Exponate, die Amano von seinen Expeditionen mitgebracht hat.

Überall bemerkt man sehr viel Liebe zum Detail und den Hang zum Perfektionismus – eine wunderbare Eigenschaft der japanischen Kultur, für mich zumindest.

Aquarium Gallery

Mein erstes Ziel ist der Eingang der Aquarium Gallery. Aber worum handelt es sich dabei genau? Am besten ist die Ausstellung wohl mit einem Showroom in einem Autohaus zu vergleichen, in dem die schönsten Modelle der Öffentlichkeit präsentiert werden. Nur stehen hier eben die Kronjuwelen der Naturaquarien.


Die Nature Aquarium Gallery ist nicht nur ein Traum für die Fans der Naturaquarien. Foto: O. Knott

Jedes Wochenende kann man hier am Samstag und Sonntag über 20 eingerichtete Naturaquarien bestaunen und sogar einige Meerwasseraquarien. Es steht immer ein Mitarbeiter zu Verfügung, der freundlich alle Fragen beantwortet, sei es zur Aquarienpflege oder zu den ADA-Produkten.

Und man kann natürlich massenhaft Bilder machen. Alle Becken sind von Takashi Amano persönlich eingerichtet worden. Was meinen Sie, wie viele Aquarien Amano wohl im Verlauf seiner Karriere eingerichtet hat? Der Stand im Jahr 2004 liegt bei 4000! Eine unglaubliche Zahl und ein Indiz für einen scheinbar unbegrenzten Ideenreichtum, denn jedes Aquarium ist wie ein Gemälde ein Unikat.


180 cm langes Becken mit der für Amano so typischen Rasenlandschaft.
Foto: O. Knott

Um gleich ein großes Vorurteil zu entkräften: Die Aquarien, die Takashi Amano auf seinen Fotos festhält, sind alle – und ich meine wirklich alle – mindestens sechs bis zwölf Monate alt und nicht nur für das Foto arrangiert worden. Auch wenn es manchen wohl unverständlich ist – die Aquarien, die in der Aquarium Gallery aufgestellt worden sind, werden so lange gepflegt, bis der perfekte optische Gesamteindruck erreicht ist. Dann werden sie fotografiert und kurze Zeit später durch eine Neugestaltung ersetzt.

Das geschieht nicht etwa, weil das Aquarium nicht mehr zu pflegen wäre – das wäre ohne Probleme möglich. Aber Takashi Amano will immer wieder neue Layouts zeigen und testen, um seine Kunden zu inspirieren.

Das hat natürlich einen großen Vorteil für die Besucher der Gallery, denn ständig findet man neue Aquarien und kann ihre Entwicklung über die Monate bis hin zum „perfekten Moment“ live miterleben.

Großformatfotografie

Am hinteren Ende der Gallery befindet sich ein weiteres Highlight, wenn man sich für die Aquarienfotografie interessiert. Hier steht das Fotostudio mit einer Unzahl an Kameras und Zubehör. Auch hier setzt Amano Maßstäbe, denn er besitzt über 300 Kameras! Doch keine einzige davon ist eine Digitalkamera. Er hält persönlich an der analogen Fotografie fest, was er hoffentlich noch lange machen wird.


Die große Kunst der Aquarienfotografie. Foto: O. Knott


Da werden jedem Fotografen die Augen feucht: Kameras und
Equipment in großer Zahl. Foto: O. Knott

Die meisten Highend-Fotos der Aquarien entstehen mit einer etwas altertümlich anmutenden Großformatkamera. Es erfordert eine unglaubliche Erfahrung, mit dieser Kamera umzugehen. Die Firma Fuji stellt eigens für Takashi Amano die Filme für diese Kamera her, die dann bis zum Gebrauch in einem 4 m langen, speziell dafür angefertigten Edelstahlkühlschrank gelagert werden.

Anders als bei der Digitalfotografie hat man hier nicht die Möglichkeit, einfach ein paar Fotos zu machen und bei Bedarf zu löschen. Jede Aufnahme kostet recht viel Geld. Umso erstaunlicher ist es, dass Takashi Amano bei seinen Reisen, wie zum Beispiel an den Amazonas, eben diese Großformatkamera mitgenommen hat, um unglaubliche Naturaufnahmen zu machen.

Deutsche Wertarbeit

Nachdem ich meine ersten Eindrücke verarbeitet hatte, nahm ich die ausgestellten Aquarien näher in Augenschein. Mit Ausnahme des 3,5-m-Aquariums im Eingangsbereich werden alle Becken mit HQI-Hängelampen aus eigener Produktion beleuchtet, und zwar mit 150-W-Brennern, die eine Farbtemperatur von 8000 K aufweisen. Durch die speziellen Brenner erhält man eine wunderbare Farbwiedergabe der Pflanzen, und ganz abgeneigt von diesem Spektrum scheinen die Pflanzen auch nicht zu sein, was man am prächtigen Pflanzenwuchs sieht. Die Beleuchtungskörper der größeren Becken sind teilweise auch noch mit je zwei Kompaktleuchtstoffröhren von 11 W ausgestattet, mit denen übrigens auch die Nanobecken beleuchtet werden.

Die Aquarien selber warten auch mit einer Besonderheit auf. Erstens sind alle Becken mit transparentem Silikon verklebt, und zwar in bester Qualität, so dass kaum Silikonrückstände zwischen den Klebeflächen zurückgeblieben sind. Einen Rahmen gibt es nicht auf den Becken, denn er würde den harmonischen Eindruck zerstören. Es finden sich auch keine Glasstege an den Aquarien. Auf alles, was die Ästhetik unnötig stören könnte, wurde absichtlich verzichtet, was natürlich auch seinen Preis hat. Und weil „Made in Germany“ in Japan einen sehr hohen Stellenwert hat, wird ein Großteil der Aquarien in Deutschland hergestellt. In der Nähe von Frankfurt produziert ein fleißiges Familienunternehmen an die 1000 Aquarien für ADA, und das jeden Monat.

Das Rätsel Kohlendioxid

Alle Aquarien werden mit Edelstahl-Außenfiltern betrieben und fast alle auch mit UV-Lampen. An den transparenten Aquarienschläuchen sind einzigartige Glasab- und -zuläufe angebracht, so dass die Installation fast unsichtbar ist.


Manuell gesteuerte CO2-Anlage mit Edelstahlgehäuse. Foto: O. Knott

Einmal pro Woche werden die kompletten Glasteile gegen eine zweite Garnitur ausgetauscht. Die vorige wird in eine spezielle Reinigungsflüssigkeit gelegt und kommt dann in der Woche darauf wieder zum Einsatz.

Die CO2-Zufuhr erfolgt über die berühmten Glasausströmer, wobei die Kohlendioxidmenge manuell geregelt wird – es gibt keine digitale Steuerungsanlage. Die Beleuchtung wird von Zeituhren ein- und ausgeschaltet, die gleichzeitig Magnetventile betätigen. Schaltet sich das Licht ab, wird automatisch auch die CO2-Zufuhr gesperrt. Gleichzeitig schaltet die Uhr eine Luftpumpe an, die nachts das Becken belüftet, um einen Sauerstoffmangel zu verhindern.

Sicher ist dieses Prinzip nicht alltäglich, doch ein Teil des Konzepts von Takashi Amano. So soll verhindert werden, dass die Pflanzen den Fischen den Sauerstoff streitig machen. Denn ohne Licht produzieren Pflanzen keinen Sauerstoff. Gleichzeitig verbrauchen sie ihn aber wie die Fische rund um die Uhr. Ich selber hatte einmal ein Aquarium mit einem mächtigen Riccia-Rasen, bei dem die nächtliche Sauerstoffzehrung zu groß war. Seitdem habe ich einige Becken mit Erfolg mit dem gleichen System wie Amano ausgestattet.

Die Blasenzahlen der CO2-Anlagen sind sehr unterschiedlich, doch für unsere Verhältnisse sehr hoch. Deswegen sind fast überall große Spezial-Blasenzähler mit einer Spirale im Innern installiert worden, so dass man größere Blasenzahlen noch optisch erfassen kann. Bei der großen CO2-Menge, die tagsüber ohne Steuergerät in die Becken geleitet wird, habe ich mich natürlich gefragt, wie wohl der Einfluss auf den pH-Wert aussehen wird. Dabei muss man auch daran denken, dass die Pufferung sehr gering ist, denn die Karbonathärte des Wassers ist kaum messbar und die Gesamthärte liegt bei 2 °dGH! Das unglaublich weiche Wasser kommt hier direkt aus der Leitung. Aber es gibt keinen Säuresturz. Während meines zweiwöchigen Aufenthalts lag der niedrigste gemessene pH-Wert gegen Abend etwa bei 6,7.

Keine Aquarienheizung

Die Temperatur der Aquarien wird erstaunlicherweise nur über die Raumtemperatur gesteuert. Aquarienheizer sucht man vergebens. Die Wassertemperatur liegt im Durchschnitt bei etwa 24 °C. Da die Außentemperatur in Japan extrem schwanken kann, wird die Temperatur der kompletten Aquarium Gallery über eine Klima-Automatik gesteuert. Bei meinem ersten Besuch im März 2004 hatten wir bei etwa 2–3 °C Schnee und bei über 20 °C Sonnenschein. In den Sommermonaten steigen die Temperaturen in der Region Niigata weit über 30 °C bei einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit, während im Winter der Schnee durchaus 1 m hoch liegen kann. Da hier nur offene Aquarien aufgestellt sind und die Verdunstung dementsprechend hoch ist, wird zusätzlich noch mit Luftentfeuchtern gearbeitet, um ein ideales Raumklima für die Besucher und Angestellten zu schaffen.

Von Montag bis Freitag kümmert sich im Wechsel immer ein anderer Mitarbeiter um die Pflege der Becken. Jede Woche werden in allen Aquarien mindestens 20- bis 30prozentige Wasserwechsel durchgeführt. Die Scheiben werden von innen gereinigt, die Wasserwerte überprüft, die Pflanzen bei Bedarf zurückgeschnitten und über jedes Aquarium werden Aufzeichnungen gemacht. Veränderung im Wachstum der Pflanzen, die Fütterung der Fische, Düngermengen und andere wichtige Dinge werden akribisch notiert. Über die Jahre hat sich so ein wahrer Schatz an Erfahrung angesammelt, was sich im Erfolg der dargebotenen Aquarien widerspiegelt.


Teezeremonie bei Takashi Amano daheim – stilecht vor seinem großem 9000 l fassenden Aquarium. Foto: O. Knott

Es steckt extrem viel Knowhow hinter dem Unternehmen Amano, aber wir bekommen nur einen Bruchteil davon mit. Die wunderschönen Aquarien sind alles andere als ein Zufall. Sie sind das Ergebnis eines sehr durchdachten Konzepts, das Takashi Amano mit seinen Mitarbeitern über die Jahre erarbeitet und immer wieder verbessert hat.

Damit möchte ich den ersten Teil meines Berichts mit einer kurzen Anmerkung abschließen: Takashi Amano liegt sehr viel daran, sein Wissen an andere weiterzugeben. Nur wenn es insbesondere die junge Generation versteht, wie solch ein Naturaquarium funktioniert, hat dieses tolle Hobby eine Zukunft. Und das ist auch einer der Gründe, aus denen die Firma Aqua Design Amano in einer Fachschule in Niigata wöchentlich das Fach Naturaquaristik unterrichtet. Wohl einmalig! Im  zweiten Teil des Berichts werde ich zeigen, wie Takashi Amano seine Aquarien in der Aquarium Gallery einrichtet – ein beeindruckendes Erlebnis. Bis dahin: Sayonara!

zurück zum Inhaltsverzeichnis AMAZONAS 14

zurück zum Artikelarchiv

 

Startseite | Verlag | Impressum / AGB
© 2008 - 2016 Natur und Tier - Verlag GmbH · An der Kleimannbrücke 39/41 · D-48157 Münster